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Benjamin Constant über Gesellschaft – Lexikon der Argumente

Gaus I 387
Gesellschaft/Constant/Plant: Constant erlebte die Französische Revolution aus erster Hand. Er lebte, um während der Hundert Tage Napoleons konstitutioneller Berater zu werden (nachdem er von Napoleon wegen seiner Kritik an seiner Machtausübung vor seinem Exil auf Elba mit Gefängnis bedroht worden war) (...) und er starb während des Sturzes der Orléanistischen Monarchie 1830. Er wurde zum Teil in Schottland an der Universität Edinburgh ausgebildet, wo er die Arbeiten sowohl von politischen Ökonomen wie Adam Smith als auch von Philosophen mit gesundem Menschenverstand wie Dugald Stewart studierte, eine Erfahrung, die in seiner Darstellung der Freiheit eine wichtige Rolle spielen sollte. Seine Vorstellungen von Freiheit spiegeln den Kontrast wider, den er zwischen der Freiheit der Alten und der Freiheit der Modernen zieht, dem Thema einer Rede, die er 1820 in Paris hielt. Obwohl sie in seinem letzten Jahrzehnt gehalten wurde, spiegelt sie in systematischerer Weise viele der Anliegen seines Lebens und seiner Erziehung wider. Die Betonung des Wortes "systematisch" sollte uns jedoch nicht in die Irre führen, da Constant kein Metaphysiker ist und seine Ansichten über die Freiheit auf praktischen Beobachtungen über das Wesen der alten Gesellschaften und der modernen Handelsgesellschaften beruhen.
Sein Argument über die antike Freiheit ist einfach.
Stadtstaat/Republik/Sklaverei: Die Größe des griechischen Stadtstaates, seine kulturelle Homogenität und die Tatsache, dass die Arbeit von Sklaven verrichtet wurde, bedeutete, dass jeder Bürger voll in das politische Leben der Gesellschaft einbezogen werden konnte.
Freiheit: Freiheit wurde im Sinne dieser Teilnahme und Beteiligung verstanden. Sie hatte auch die Herabstufung der Bedeutung des Privatlebens und des privaten Geschmacks zum Preis.
Privatsphäre: Aufgrund der (von den romantischen Denkern gepriesenen) Einheit der Gesellschaft wurde zwar die Souveränität gemeinsam gehalten, dennoch unterlag jedes Individuum einer sehr weitgehenden staatlichen Autorität. Von einer sakrosankten Privatsphäre war nichts zu spüren.
Arbeitsteilung: Die Arbeitsteilung hatte zu einer sehr viel stärkeren Differenzierung von Funktion und sozialer Erfahrung geführt, und Kultur und Geschmack sind heute von Individuum zu Individuum sehr viel vielfältiger.
Es besteht daher die Forderung nach einer Privatsphäre, in der der Einzelne seinen eigenen Interessen folgen und seinem eigenen Geschmack frei von staatlichen Eingriffen frönen kann.
Jakobinismus: Die jakobinische Zeit der Französischen Revolution hatte Constant zufolge zu dem Versuch geführt, einige der Vorstellungen vom Stadtstaat als einer Tugendrepublik, in der alle Aspekte des Lebens unter politischer Gerichtsbarkeit stehen sollten und in der es eine direkte partizipatorische Demokratie geben sollte, wieder aufleben zu lassen.
Terror: Der Terror, für Constant, war eine natürliche Folge dieses Versuchs politischer Nostalgie. Teil der Aufgabe des Verfassungsrechtlers und Denkers war es, Wege zu finden, wie sich diese anachronistische Form der Politik nicht durchsetzen konnte. Gleichzeitig war Constant aber auch klar, dass moderne Politikformen eine Art Krise der Repräsentation mit sich bringen.
Repräsentation/Problem: Sofern es sich bei dem Vertreter um einen Delegierten einer politischen Gruppierung wie z.B. eines Wahlkreises handelt, werden politische Verhandlungen in einem Parlament oder einer Versammlung unmöglich, weil das Mandat dies verhindern wird; alternativ, wenn der Vertreter als autonom zu betrachten ist, dann kann es durchaus sein, dass dies realpolitisch wirksam ist, aber die repräsentative Funktion wird zum Fluchtpunkt geworden sein. Es gibt also ein grundlegendes Problem der repräsentativen Legitimität in der modernen Welt, und ein Teil der Lösung liegt natürlich darin, dass viele Lebensbereiche nicht der politischen Kontrolle und Einmischung unterliegen, so dass die Frage der Repräsentativität einen engen Bereich abdeckt. Dennoch stellte dies für Constant (1988)(1) eine der größten Herausforderungen der modernen Welt dar.
Gaus I 388
Gesellschaft: Constant glaubte auch, dass eine Politik der Freiheit durch eine Reihe von Werten untermauert werden müsse. Diese waren jedoch weder metaphysisch fundiert noch heroisch. Was er wollte, war ein Freiheitsregime, das den Menschen in einer kommerziellen Gesellschaft die Freiheit lässt, in ihrem Privatleben ihrem eigenen Geschmack und ihren eigenen Interessen zu folgen.


1. Constant, B. (1988) Political Writings. Cambridge: Cambridge University Press.

Plant, Raymond 2004. „European Political Thought in the Nineteenth Century“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Constant, Benjamin

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

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