Philosophie Lexikon der Argumente

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Verstehen Philosophie: Beim Verstehen von Zeichen und Wörtern spielt sowohl eine Rolle, ob man einen Gegenstand mit dem Wort oder Zeichen in Verbindung bringen kann, als auch, ob man das Zeichen oder Wort durch ein anderes ersetzen kann. Zum Verstehen ganzer Sätze muss noch das Überschauen der Verwendungssituation hinzukommen. Umstritten ist, ob die Kenntnis der Wahrheitsbedingungen die Bedeutung des Satzes liefert, also das Wissen darüber, was der Fall sein müsste, wenn der Satz wahr wäre. Wenn das richtig ist, braucht man nicht zu wissen, ob der Satz wahr ist. (Vgl. M. Dummett, Ursprünge der analytischen Philosophie Frankfurt 1992, S. 20). Siehe auch Ersetzbarkeit, Substitution, Wahrheitsbedingungen, Wissen.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

J��rgen Habermas über Verstehen – Lexikon der Argumente

III 152
Verstehen/Handlung/Soziologie/Habermas: beim Verstehen von Handlungen gibt es eine Rationalitätsproblematik, denn die verschiedenen Handlungstypen (teleologisches, dramaturgisches und kommunikatives Handeln) setzen jeweils andere Beziehungen des Aktors zur Welt voraus.
III 159
Die Soziologie muss einen verstehenden Zugang zu ihrem Objektbereich suchen, weil sie in ihm Prozesse der Verständigung vorfindet, durch die sich gewissermaßen der Objektbereich vorgängig schon konstituiert hat. Der Sozialwissenschaftler trifft symbolisch vorstrukturierte Gegenstände an; sie verkörpern Strukturen desjenigen vortheoretischen Wissens, mit dessen Hilfe sprach- und handlungsfähige Subjekte diese Gegenstände erzeugt haben. Der Eigensinn dieser vorstrukturierten Wirklichkeit (…) steckt in den Erzeugungsregeln, nach denen die Subjekte den gesellschaftlichen Lebenszusammenhang direkt oder indirekt hervorbringen. Beispiele sind Sprechhandlungen, Zwecktätigkeiten, Kooperationen und Sedimente dieser ‚Äußerungen wie Texte, Überlieferungen, Dokumente, Kunstwerke, Theorien, Güter, Techniken usw. Sprechen und Handeln sind dabei die ungeklärten Grundbegriffe.
III 160
Um die Lebenswelt verstehen zu können, muss der Sozialwissenschaftler, der keinen anderen Zugang zu ihr hat als der Laie, grundsätzlich an ihrer Erzeugung teilnehmen können.
III 170
Kommunikative Handlungen lassen sich nicht zweistufig deuten, [also] zunächst in ihrem faktischen Ablauf verstehen und dann erst mit einem idealtypischen Ablaufmodell vergleichen.
III 171
Der Interpret muss stattdessen die ganze Zeit von einer geteilten Grundlage ausgehen, die er mit dem zu beurteilenden gemeinsam hat.
III 173
Wenn wir von einer gegenseitigen Kritikmöglichkeit zwischen Beobachter und Handelndem ausgehen,
III 174
wird die Unterscheidung zwischen deskriptiver und rationaler Deutung sinnlos. Die rationale Deutung ist hier der einzige Weg zur Erschließung des faktischen Ablaufs des kommunikativen Handelns. (Siehe auch Hermeneutik/Habermas).

III 400
Def Verstehen/Kommunikation/Habermas: im Rahmen unserer Theorie des Kommunikativen Handelns beschränken wir uns auf Sprechakte unter Standardbedingungen, d.h. wir gehen davon aus, dass ein Sprecher nichts anderes meint als die wörtliche Bedeutung dessen, was er sagt.
Verstehen eines Satzes definieren wir dann als das Wissen, was diesen Satz akzeptabel macht. Aus der Perspektive des Sprechers sind die Akzeptabilitätsbedingungen mit den Bedingungen seines illokutionären Erfolgs identisch. Akzeptabilität wird nicht im objektivistischen Sinn aus der Perspektive eines Beobachters definiert, sondern aus der performativen Einstellung des Kommunikationsteilnehmers.
III 403
Wir müssen unsere Perspektive auf den Zusammenhang der Interaktion erweitern, sodass wir Erfüllungsbedingungen identifizieren können, unter denen der Hörer seine Handlungen an die Handlungen eines Sprechers anschließen kann. Die Kenntnis der „Erfüllungsbedingungen“ ist allerdings nicht hinreichend dafür zu wissen, wann eine Äußerung akzeptabel ist (Siehe Akzeptierbarkeit/Habermas). Dazu brauchen wir noch die Kenntnis der Bedingungen für ein Einverständnis. (Siehe Verständigung/Habermas).
III 404
Imperative: für den Fall von Imperativen, die einen Machtanspruch des Sprechers involvieren, d.h. eine mögliche Sanktionierung beinhalten, müssen wir die Sanktionsbedingungen kennen.
IV 400
Verstehen/HabermasVsParsons/Habermas: These: Verständigung als Mechanismus der Handlungskoordinierung kann in den Lebensbereichen, die vor allem Funktionen der kulturellen Reproduktion, der sozialen Integration und der Sozialisation erfüllen, zwar kommunikationstechnisch erweitert, organisatorisch vermittelt und rationalisiert, aber nicht durch Medien ersetzt und damit technisiert werden.

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Gaus I 157
Verstehen/Habermas/Bohman: "Formale Pragmatik" ist Habermas' Bezeichnung für eine allgemeine Darstellung der Fähigkeit eines Redners, Sprechakte korrekt zu verwenden und zu verstehen. Es ist "das Know-how von Subjekten, die sprach- und handlungsfähig sind, denen die Fähigkeit zugeschrieben wird, gültige Äußerungen zu produzieren, und die sich in der Lage sehen, (zumindest intuitiv) zwischen gültigen und ungültigen Ausdrücken zu unterscheiden" (1990(1): 31).
Bohman: Das intuitive Wissen eines kompetenten Sprechers erlaubt es ihm oder ihr, sich auf eine Bewertung zweiter Ordnung einzulassen, indem er oder sie nach Rechtfertigungen oder Gründen für verschiedene Arten von Gültigkeitsansprüchen fragt, die in Äußerungen implizit enthalten sind; eine Äußerung zu verstehen bedeutet, ihre "Akzeptanzbedingungen" zu kennen. Während Gültigkeitsansprüche implizit bleiben können, solange die Kommunikation unproblematisch ist und andauert, können kompetente Sprecher auch verlangen, dass die implizite Befugnis eingelöst wird. Sie können auch eine explizite Rechtfertigung in der Kommunikation zweiter Ordnung (Kommunikation über Kommunikation oder den eigentlichen "Diskurs") verlangen, um zu einem Verständnis zu gelangen.
Kritische Funktion/Bohman: Eine solche Rekonstruktion des impliziten Know-hows kann insofern eine kritische Funktion haben, als sie spezifizieren kann, wann Sprecher die Bedingungen der Rationalität verletzen, die in kommunikativ erfolgreichen Äußerungen impliziert sind.


1. Habermas, Jürgen (1990) Moral Consciousness and Communicative Action. Cambridge, MA: MIT Press.

Bohman, James 2004. „Discourse Theory“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

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