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Friedrich Schleiermacher über Verstehen – Lexikon der Argumente

Gadamer I 196
Verstehen/Schleiermacher/Gadamer: Schleiermacher sieht den Akt des Verstehens als den rekonstruktiven Vollzug einer Produktion. Ein solcher muss manches bewusst machen, was dem Urheber unbewusst bleiben kann. Es ist offenbar die Genieästhetik, die Schleiermacher mit dieser Formel auf seine allgemeine Hermeneutik überträgt. Die Schaffensweise des genialen Künstlers ist der Modellfall, auf den die Lehre von der unbewussten Produktion und der notwendigen Bewusstheit in der Reproduktion sich beruft(1).
In der Tat kann die so verstandene Formel als ein Grundsatz aller Philologie gelten, sofern diese als das Verstehen kunstvoller Rede verstanden ist. Das bessere Verständnis, das den Interpreten gegenüber dem Verfasser auszeichnet, meint nicht etwa das Verständnis der Sachen, von denen im Text
die Rede ist, sondern lediglich das Verständnis des Textes, d. h. dessen, was der Verfasser gemeint und zum Ausdruck gebracht hat. Dies Verständnis kann insofern genannt werden, als das ausdrückliche - und damit abhebende - Verständnis einer Meinung gegenüber dem inhaltlichen Vollzug derselben ein Mehr an Erkenntnis einschließt. >Hermeneutik/Schleiermacher.
Verstehen/Schleiermacher: Schleiermacher [kommt] zu dem Satz, es gelte, einen Schriftsteller besser zu verstehen, als er sich selber verstanden habe - eine Formel, die seither immer wiederholt
worden ist und in deren wechselnder Interpretation sich die gesamte Geschichte der neueren Hermeneutik abzeichnet.
Gadamer I 198
GadamerVsSchleiermacheer: Diese raffinierte methodische Formel, die noch heute vielfach als ein
Freibrief für willkürliche Interpretation missbraucht und entsprechend bekämpft wird, steht der Zunft der Philologen schlecht an.
Verstehen/Fichte/Kant/Gadamer: [die Formel kommt auch bei Fichte und Kant vor.] (...) der Zusammenhang, in dem diese angebliche philologische Handwerksregel dort auftritt, zeigt, dass Fichte und Kant etwas ganz anderes damit meinen. Es handelt sich da überhaupt nicht um einen Grundsatz der Philologie, sondern um einen Anspruch der Philosophie, durch größere begriffliche Klarheit über die in
einer These zu findenden Widersprüche hinauszukommen.
Gadamer: Es ist also ein Grundsatz, der ganz im Geiste des Rationalismus die Forderung ausspricht, allein durch Denken, durch Entwicklung der in den Begriffen eines Autors gelegenen Konsequenzen, zu Einsichten zu gelangen, die der eigentlichen Absicht des Autors entsprechen - Einsichten, die er teilen müsste, wenn er klar und deutlich genug gedacht hätte. ((s) Vgl. >Bedeutungswandel/Philosophische Theorien.)
Gadamer I 199
Gadamer: Wer das, worüber der Autor spricht, besser zu durchdenken weiß, der wird das, was der Autor sagt, im Lichte einer ihm selbst noch verborgenen Wahrheit zu sehen vermögen. In diesem Sinne ist der Grundsatz, man müsse einen Autor besser verstehen, als er sich selber verstanden so alt nämlich, wie wissenschaftliche Kritik überhaupt.


1. H. Patsch hat inzwischen die Frühgeschichte der romantischen Hermeneutik genauer aufgeklärt: Friedrich Schlegels “Philosophie der Philologie« und Schleiermachers frühe Entwürfe zur Hermeneutik (Ztschr. f. Theologie und Kirche 1966, S. 434—472).


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Schleiermacher, Friedrich

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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