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Aristoteles über Furcht - Lexikon der Argumente

Gadamer I 135
Furcht/Aristoteles/Gadamer: Die Darstellung [der Tragödie] wirkt durch eleos und phobos. Die überlieferte Übersetzung dieser Affekte durch „Mitleid“ und „Furcht“ lässt eine viel zu subjektive Tönung anklingen. Es geht bei Aristoteles überhaupt nicht um Mitleid oder gar um die in den
Jahrhunderten wechselnde Schätzung des Mitleids(1) und ebenso wenig ist Furcht als ein Gemütszustand der Innerlichkeit zu verstehen. Beides sind vielmehr Widerfahrnisse, die den Menschen überfallen und mitreißen. „Eleos“ ist der Jammer, der einen überkommt angesichts dessen, was wir jammervoll nennen. Das deutsche Wort Jammer ist deshalb ein gutes Äquivalent, weil auch dies Wort keine bloße Innerlichkeit meint, sondern ebenso sehr deren Ausdruck. Entsprechend ist „phobos“ nicht nur ein Gemütszustand, sondern, wie Aristoteles sagt, ein Kälteschauer(2) derart, dass einem das Blut gefriert, dass einen ein Schauder überkommt.
In der besonderen Weise, in der hier bei der Charakteristik der Tragödie von Phobos in Verbindung mit Eleos die Rede ist, bedeutet Phobos die Schauer der Bangigkeit, die einen angesichts dessen überkommt, den man dem Untergang entgegeneilen sieht und für den man bangt. Jammer
und Bangigkeit sind Weisen der „Ekstasis“ des Außer-sich-seins, die den Bann dessen bezeugen, was sich vor einem abspielt. Nun wird von diesen Affekten bei Aristoteles gesagt, dass sie es sind,
durch die das Schauspiel die Reinigung von derartigen Leidenschaften bewirkt.
Bekanntlich ist diese Übersetzung strittig und insbesondere der Sinn des Genitivs(3).


1. Max Kommerell (Lessing und Aristoteles) hat in verdienstvoller Weise diese Geschichte des Mitleids geschrieben, aber den ursprünglichen Sinn von nicht genug davon unterschieden. Vgl. inzwischen W. Schadewaldt, Furcht und Mitleid? Hermes 83, 1955, S. 129ff. und die Ergänzung durch H. Flashar, Hermes 1956, S. 12—48.
2. Arist. Rhet. 11 13, 1389 b 32.
3. Vgl. M. Kommerell, der die älteren Auffassungen überschaubar macht: a. a. O. , S. 262—272; auch neuerdings finden sich Verteidiger des objektiven Genitivs: zuletzt K. H. Volkmann-Schluck in Varia Variorum (Festschrift für Karl Reinhardt 1952).


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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