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Aufklärung über Autorität - Lexikon der Argumente

Gadamer I 276
Autorität/Aufklärung/Gadamer: [Die] von der Aufklärung entwickelte Lehre von den Vorurteilen (...) [bringt] die folgende grundlegende Einteilung derselben: Man müsse unterscheiden das Vorurteil des menschlichen Ansehens und das der Übereilung.(1) Diese Einteilung hat ihren Grund in dem Ursprung der
Vorurteile im Hinblick auf die Personen, die sie hegen. Es ist entweder das Ansehen anderer, ihre Autorität, was uns zu Irrtümern verführt, oder es ist die in einem selbst gelegene Übereilung.
Dass die Autorität eine Quelle von Vorurteilen ist, stimmt zu dem bekannten Grundsatz der Aufklärung, wie noch Kant formuliert: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.(2)
[Die Aufklärung] will die Überlieferung richtig, d.h. vorurteilslos und vernünftig verstehen. Das aber hat insofern seine ganz besondere Schwierigkeit, als in der bloßen Tatsache der schriftlichen Fixierung ein
Gadamer I 277
Autoritätsmoment von besonderem Gewicht liegt. Die Möglichkeit, dass Geschriebenes nicht wahr ist, ist nicht ganz leicht zu vollziehen. Geschriebenes hat die Handgreiflichkeit des Aufzeigbaren und ist wie ein Beweisstück. Es bedarf einer besonderen kritischen Anstrengung, sich von dem zugunsten des Geschriebenen gehegten Vorurteil frei zu machen und auch hier, wie bei aller mündlichen Behauptung, zwischen Meinung und Wahrheit zu unterscheiden.(3)
Nun ist es die allgemeine Tendenz der Aufklärung, keine Autorität gelten zu lassen und alles vor dem Richterstuhl der Vernunft zu entscheiden. So kann auch die schriftliche Überlieferung, die Heilige Schrift wie alle andere historische Kunde, nicht schlechthin gelten, vielmehr hängt die mögliche Wahrheit der Überlieferung von der Glaubwürdigkeit ab, die ihr von der Vernunft zugebilligt wird. >Bibelkritik/Aufklärung.
Autorität/Gadamer: Der von der Aufklärung in Anspruch genommene Gegensatz von Autoritätsglaube und Gebrauch der eigenen Vernunft besteht an sich zu Recht. Sofern die Geltung der Autorität an die Stelle des eigenen Urteils tritt, ist Autorität in der Tat eine Quelle von Vorurteilen. Aber dass sie auch eine Wahrheitsquelle sein kann, ist damit nicht ausgeschlossen, und das hat die Aufklärung verkannt, als sie schlechthin alle Autorität diffamierte. Um dessen gewiss zu werden, kann man sich auf einen der größten Wegbereiter der europäischen Aufklärung berufen, auf Descartes. Aller Radikalität seines Methodendenkens zum Trotz hat Descartes bekanntlich die Dinge der Moral von dem Anspruch einer vollkommenen Neukonstruktion aller Wahrheiten aus der Vernunft ausgenommen. Das war der Sinn seiner provisorischen Moral.


1. Praeiudicium auctoritatis et precipitantiae: So Christian Thomasius schon in seinen
lectiones de praeiudiciis (1689/90) und seiner »Einleitung der Vernunftslehre« c. 13, SS 39/ 40. Vgl. den Artikel bei Walch, Philosophisches Lexikon (1726), S. 2794ff.
2. Am Beginn seines Aufsatzes »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«
3. Ein gutes Beispiel dafür ist, wie langsam die Autorität der antiken Geschichtsschreibung in der historischen Forschung zerstört worden ist und wie allmählich sich die Archivforschung und die Bodenforschung durchsetzten (vgl. z. B. R. G. Collingwood, Denken. Eine Autobiographie, X I. Kapitel, der die Wendung zur Bodenforschung geradezu mit der Baconschen Revolution in der Naturforschung in Parallele setzt).


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Aufklärung

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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