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Naturrecht: Ausdruck für eine philosophische oder theologische Begründung von Rechtsgrundsätzen im Gegensatz zu einer menschlichen Setzung des Rechts durch verfassungsmäßige, also demokratisch legitimierte Organe. Siehe auch Recht, Gesetze, Gesellschaft, Geschichte.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

Aristoteles über Naturrecht - Lexikon der Argumente

Gadamer I 324
Naturrecht/Aristoteles/Gadamer: [Aristoteles] erkennt in einem gesetzten Recht nicht schon das wahre Recht schlechthin, sondern sieht mindestens in der sogenannten Billigkeitserwägung eine rechtsergänzende Aufgabe. So wendet er sich gegen den extremen Konventionalismus oder Gesetzespositivismus, indem er ausdrücklich zwischen einem von Natur Rechten und einem gesetzlich Rechten unterscheidet.(1) Der Unterschied, den er damit im Auge hat, ist aber nun nicht einfach der zwischen der Unveränderlichkeit des Naturrechts und der Veränderlichkeit des positiven Rechts.
Gadamer: Es ist zwar richtig, dass man Aristoteles im allgemeinen so verstanden hat. Aber an der wahren Tiefe seiner Einsicht geht man damit vorüber. Wohl kennt er den Gedanken eines schlechthin unveränderlichen Rechts, aber er beschränkt dies ausdrücklich auf die Götter und erklärt, dass unter Menschen nicht nur das gesetzte Recht, sondern auch das natürliche Recht veränderlich sei. Solche Veränderlichkeit ist nach Aristoteles durchaus damit vereinbar, dass es „natürliches“ Recht ist. Der Sinn dieser Behauptung scheint mir folgender: Es gibt zwar rechtlich Gesetztes, das ganz und gar Sache der bloßen Vereinbarung ist (z. B. eine Verkehrsregel wie das rechts fahren) - es gibt aber auch und vor allem solches, das nicht jede beliebige menschliche Vereinbarung zulässt, weil „die Natur der Sache“ sich zur Wehr setzt.
Gadamer I 325
[Aristoteles gibt u.a. dieses Beispiel]: (...) der beste Staat [ist] »überall ein und dasselbe (...)« und doch nicht in der Weise, »in der das Feuer überall auf dieselbe Weise brennt, hier in
Griechenland wie dort in Persien« .
Gadamer: Die spätere Naturrechtstheorie hat sich trotz dem klaren Wortlaut des Aristoteles auf diese Stelle berufen, als ob er damit die Unveränderlichkeit des Rechts mit der Unveränderlichkeit der Naturgesetze verglichen hätte!(2)
GadamerVsTradtion: Das Gegenteil ist der Fall. In Wahrheit hat, wie gerade diese Gegenüberstellung zeigt, der Gedanke des Naturrechts nach Aristoteles nur eine kritische Funktion. Man darf von ihm keinen dogmatischen Gebrauch machen, d. h, man darf nicht bestimmte Rechtsinhalte als solche mit der Würde und Unverletzlichkeit des Naturrechts auszeichnen.
Gadamer: [die Funktion des Naturrechts bei Aristoteles] ist insofern eine kritische, als nur dort, wo zwischen Recht und Recht eine Diskrepanz auftritt, die Berufung auf das Naturrecht legitim ist. >Sittlichkeit/Aristoteles, >Sich-Wissen/Aristoteles, >Techne/Aristoteles.


1. Eth. Nic. E 10. Die Unterscheidung selbst ist bekanntlich sophistischen Ursprungs, aber durch die platonische „Bindung“ des Logos verliert sie ihren destruktiven Sinn und durch Platos „Politikos“ (294ff) und bei Aristoteles wird ihre positive innerrechtliche Bedeutung klar.
2. Vgl. Melanchthon Ethik, hrsg. von H. Heineck (Berlin 1893). S. 28.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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