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Wilhelm Dilthey über Leben – Lexikon der Argumente

Gadamer I 71
Leben/Dilthey/Gadamer: Die Sinngebilde, denen wir in den Geisteswissenschaften begegnen, mögen uns noch so fremd und unverständlich gegenüberstehen - sie lassen sich auf letzte Einheiten des im Bewusstsein Gegebenen zurückführen, die selber nichts Fremdes, Gegenständliches, Deutungsbedürftiges mehr enthalten. Es sind die Erlebniseinheiten, die selber Sinneinheiten sind.
Gadamer: So meldet sich in der Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaften ein Lebensbegriff,
der das mechanistische Modell einschränkt. Dieser Lebensbegriff ist teleologisch gedacht:
Dilthey: Leben ist für Dilthey Produktivität schlechthin. Indem sich Leben in Sinngebilden objektiviert, ist alles Verstehen von Sinn »ein Zurückübersetzen der Objektivationen des
Lebens in die geistige Lebendigkeit, aus der sie hervorgegangen sind«. So bildet der Begriff des Erlebnisses die erkenntnistheoretische Grundlage für alle Erkenntnis von Objektivem. >Erlebnis/Dilthey, >Erlebnis/Gadamer, >Erlebnis/Husserl.

Gadamer I 232
Leben/Dilthey/Gadamer: [Dilthey] spricht bekanntlich von der „gedankenbildenden Arbeit des Lebens“(1). Was diese Wendung von Hegel unterscheidet, ist nicht leicht zu sagen. Das Leben mag noch so sehr ein „unergründliches Antlitz“(2) zeigen, Dilthey mag noch so sehr die allzu freundliche Ansicht vom Leben verspotten, die in ihm nur Fortschritt der Kultur sieht - sofern es auf die Gedanken, die es bildet, hin verstanden wird, wird es einem teleologischen Deutungsschema unterstellt und ist es als Geist gedacht.
Geist/Hegel/Dilthey: Dazu stimmt nun, dass Dilthey sich in seinen späteren Jahren mehr und mehr an Hegel anlehnt und dort von Geist redet, wo er früher „Leben“ sagte. Er wiederholt damit nur eine begriffliche Entwicklung, die Hegel selber ebenso genommen hatte. Im Lichte dieser
Tatsache erscheint es bemerkenswert, daß wir Dilthey die Kenntnis der sogenannten „theologischen“ Jugendschriften Hegels verdanken. In diesen Materialien zur Entwicklungsgeschichte des Hegelschen Denkens tritt ganz deutlich hervor, dass dem Hegelschen Begriff des Geistes ein pneumatischer Lebensbegriff zugrunde liegt(3).
Dilthey selbst hat sich darüber Rechenschaft zu geben versucht, was ihn mit Hegel verbindet und was ihn von Hegel trennt(4). Aber was besagt seine Kritik an Hegels Vernunftglauben, an seiner spekulativen Konstruktion der Weltgeschichte, an seiner aprioristischen Ableitung aller Begriffe aus der dialektischen Selbstentfaltung des Absoluten, wenn doch auch er dem Begriff des „Objektiven Geistes« eine so zentrale Stellung gibt?
DiltheyVsHegel: (...) Dilthey wendet sich gegen die ideelle Konstruktion dieses Hegelschen Begriffs. »Wir müssen heute von der Realität des Lebens ausgehen«. Er schreibt: »Wir suchen diese zu verstehen und in adäquaten Begriffen darzustellen. Indem so der objektive Geist losgelöst wird von der einseitigen Begründung in der allgemeinen, das Wesen des Weltgeistes aussprechenden Vernunft, losgelöst auch von der ideellen Konstruktion, wird ein neuer Begriff desselben möglich: in ihm sind Sprache, Sitte, jede Art von Lebensform, von Stil des Lebens ebenso gut umfasst wie Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat und
Gadamer I 233
Recht. Und nun fällt auch das, was Hegel als den absoluten Geist vom objektiven unterschied: Kunst und Religion und Philosophie unter diesen Begriff.(5) >Geist/Dilthey, >Vergleiche/Dilthey.
Gadamer I 239
Verstehen/Historisches Bewusstsein/Dilthey/Gadamer: Dilthey geht vom Leben aus. Das Leben ist selbst auf Besinnung angelegt. [Diltheys lebensphilosophische Tendenz] (...) beruht eben darauf,
dass im Leben selbst Wissen gelegen ist. >Lebensphilosophie/Dilthey.
Schon das Innesein, das das Erlebnis charakterisiert, enthält eine Art Rückwendung des Lebens auf sich selbst. »Das Wissen ist da, es ist ohne Besinnung mit dem Erleben verbunden« (VII, 18).
Die gleiche immanente Reflexivität des Lebens bestimmt aber auch die Art, wie nach Dilthey Bedeutung im Lebenszusammenhang aufgeht. Denn Bedeutung wird nur erfahren, indem wir aus der »Jagd nach den Zielen« heraustreten. >Bedeutung/Dilthey.
Es ist eine Abstandnahme, eine Ferne von dem Zusammenhang unseres eigenen Handelns, die solche Besinnung ermöglicht.
Gadamer I 240
In beiden Richtungen, der Kontemplation wie der praktischen Besinnung, zeigt sich nach Dilthey die gleiche Tendenz des Lebens, ein Streben nach Festigkeit(6). Von da aus versteht man, dass er die Objektivität der wissenschaftlichen Erkenntnis und der philosophischen Selbstbesinnung
als die Vollendung der natürlichen Tendenz des Lebens ansehen konnte.


1. Dilthey, Ges. Schriften Vll, 136.
2. Ges. Schriften Vlll, 224.
3.Diltheys grundlegende Abhandlung: Die Jugendgeschichte Hegels, zuerst 1906 erschienen und im 4. Band der gesammelten Schriften (1921) durch Nachlassmanuskripte vermehrt, eröffnete eine neue Epoche der Hegelstudien, weniger durch ihre Resultate als durch ihre Aufgabenstellung. Ihr trat bald (1911) die Herausgabe der „Theologischen Jugendschriften“ durch Hermann Nohl zur Seite, die durch den eindringlichen Kommentar Theodor Haerings (Hegel 1928) aufgeschlossen wurden. Vgl. vom Verf.: „Hegel und der geschichtliche Geist“ und Hegels Dialektik Ges. Werke Bd. 31 und Herbert Marcuse, Hegels Ontologie und die Grundlegung einer Theorie der Geschichtlichkeit, 1932, der die modellbildende Funktion des Lebensbegriffs für die „Phänomenologie des Geistes« nachgewiesen hat.
4. Ausführlich in den Nachlassaufzeichungen zur „Jugendgeschichte Hegels« (IV, 217-258), tiefer im 3. Kapitel des „Aufbau“ (146ff.).
5. Dilthey, Ges. Schr. Vll, 150.
6. Ges. Schriften Vll, 347.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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