Psychologie Lexikon der Argumente

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Intersubjektivität: die wechselseitige Anerkennung eines Innenlebens durch bewusste Subjekte. Voraussetzung sind das bewusste Erkennen des eigenen Innenlebens durch ein Subjekt sowie die Annahme, dass andere Subjekte die Hauptmerkmale der inneren Verfasstheit teilen, die das Subjekt an sich selbst feststellt. Dazu gehören Sprache, Schmerzempfinden, Erinnerungsvermögen, Selbsterhaltungstrieb und gewisse Interessen. Intersubjektivität wird von einigen Autoren als Ersatzbegriff für eine als unerreichbar angenommene Objektivität gebraucht.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor Begriff Zusammenfassung/Zitate Quellen

Edmund Husserl über Intersubjektivit��t – Lexikon der Argumente

Gadamer I 254
Intersubjektivität/Husserl/Gadamer: Die immanenten Gegebenheiten des reflexiv befragten Bewusstseins enthalten das Du nicht unmittelbar und originär. Husserl hat ganz recht, wenn er hervorhebt, dass das Du nicht jene Art von immanenter Transzendenz besitzt, die den
Gegenständen der äußeren Erfahrungswelt zukommt. Denn ein jedes Du ist ein alter ego, d. h. es wird vom „Ego“ aus verstanden und doch zugleich auch als von ihm abgelöst und, wie das Ego selbst, als selbständig. Husserl hat in mühevollen Untersuchungen versucht, die Analogie von Ich und Du - die Dilthey rein psychologisch durch den Analogieschluss der Einfühlung interpretiert - auf dem Wege über die Intersubjektivität der gemeinsamen Welt aufzuklären. Er war konsequent genug, den erkenntnistheoretischen Vorrang der transzendentalen Subjektivität dabei nicht im geringsten einzuschränken. >Leben/Husserl.
Zunächst wird der andere als Wahrnehmungsding gefasst, das alsdann durch Einfühlung zum „Du“ wird. Bei Husserl ist ein solcher Begriff der Einfühlung gewiss rein transzendental gemeint(1), aber er ist doch an dem
Gadamer I 255
Innesein des Selbstbewusstseins orientiert und bleibt die Orientierung an dem das Bewusstsein weit überspielenden Funktionskreis(2) des Lebens schuldig, auf den er doch zurückzugehen beansprucht. In Wahrheit ist also der spekulative Gehalt des Lebensbegriffes bei beiden [Husserl und Dilthey] unentfaltet geblieben. Siehe hierzu >Leben/Paul Graf Yorck.


1. Es ist das Verdienst der Heidelberger Dissertation von D. Sinn, Die transzendentale
Intersubjektivität mit ihren Seinshorizonten bei E. Husserl, Heidelberg 1958, den methodisch-transzendentalen Sinn des die Konstitution der Intersubjektivität tragenden Begriffs der „Einfühlung“ erkannt zu haben, der Alfred Schütz, Das Problem der transzendentalen
Intersubjektivität bei Husserl, Philos. Rundschau Jg. V, 1957 H. 2, entgangen war. Auch
die von D. Sinn in der Philos. Rdsch. 14 (1967), S. 81—182 vorgelegte Heidegger-
Darstellung darf als eine vorzügliche Zusammenfassung der Intentionen des späten Heidegger gelten.
2. Ich spiele hier auf die weitreichenden Perspektiven an, die Viktor von Weizsäckers
Begriff des „Gestaltkreises“ geöffnet hat.


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Habermas IV 197
Intersubjektivität/Husserl/SchützVsHusserl/HabermasVsHusserl/Habermas: Husserl scheiterte in den Cartesianischen Meditationen an der monadologischen Erzeugung der Intersubjektivität der Lebenswelt.(1) (Siehe Lebenswelt/Schütz, Lebenswelt/Habermas).
Lösung/Habermas: Wenn man die Situation des handelnden Subjekts als Umwelt des Persönlichkeitssystems deutet, lassen sich die Ergebnisse der phänomenologischen Lebensweltanalyse bruchlos in eine Systemtheorie Luhmannscher Observanz integrieren. Das Problem tritt gar nicht mehr auf, wenn die Subjekt-Objekt-Beziehungen durch diejenigen zwischen Subjekt und Umwelt ersetzt werden. Persönlichkeitssysteme bilden nach dieser Vorstellung, (…) Umwelten füreinander. Dabei verschwindet das Intersubjektivitätsproblem, also die Frage, wie verschiedene Subjekte dieselbe Lebenswelt teilenkönnen, zugunsten des Interpenetrationsproblems, wie bestimmte Arten von Systemen füreinander bedingt kontingente, aufeinander abgestimmte Umwelten bilden können. (2)


1.A. Schütz, das Problem der transzendentalen Intersubjektivität bei Husserl, Phil. Rundschau, 1957, S. 81ff; M. Theunissen, Der Andere, Berlin 1965, S. 102ff. D.M. Carr, The Fifth Meditation and Husserl’s Cartesianism, Phil Phenom,. Res. 34, 1973, p. 14ff;P. Hutcheson, Husserl’s Problem of Intersubjekctivity, J. Brit. Soc. Phenomenol, 11, 1980, p. 144ff.
2. N. Luhmann, Interpenetration, Zeitschrift für Sozialforschung, 1977, S. 62ff.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
E. Husserl
I Peter Prechtl Husserl zur Einführung, Hamburg 1991 (Junius)
II "Husserl" in: Eva Picardi et al., Interpretationen - Hauptwerke der Philosophie: 20. Jahrhundert, Stuttgart 1992

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981

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