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Paul Ricoeur über Schrift – Lexikon der Argumente

II 25
Sprechen/Schrift/Ricoeur: (...) der Übergang vom Sprechen zum Schreiben hat seine Bedingungen in der Theorie des >Diskurses (...), insbesondere in der Dialektik von Ereignis und Bedeutung (...) >Diskurs/Ricoeur, >Dialog/Ricoeur.
Schrift/Platon/Ricoeur: [Platon kritisierte] das Schreiben als eine Art von Entfremdung (...).
Schreiben/Plato/Ricoeur: Was in der Schrift geschieht, ist die vollständige Manifestation von etwas, das sich in einem virtuellen Zustand befindet, etwas im Entstehen begriffenen und unausgesprochenen, in der lebendigen Sprache, nämlich die Loslösung von der Bedeutung
von dem Ereignis. Aber diese Loslösung ist nicht geeignet, die grundlegende Struktur des Diskurses aufzuheben (...).
Die semantische Autonomie des nun erscheinenden Textes wird nach wie vor von der Dialektik von Ereignis und Bedeutung bestimmt. Außerdem kann man sagen, dass diese Dialektik durch das Schreiben offensichtlich und explizit gemacht wird.
II 26
Schrift/Derrida: Zu behaupten - wie Jacques Derrida(1) - dass das Schreiben eine andere Wurzel hat als die Sprache und dass diese Grundlage missverstanden wurde, weil wir übermäßig viel Aufmerksamkeit auf
die Rede, ihre Stimme und ihr Logos legen. [Deshalb hat man], in der dialektischen Konstitution des Diskurses die Grundlage beider Modi der Aktualisierung des Diskurses übersehen.
RicoeurVsDerrida: Ich schlage stattdessen vor, dass wir von dem Schema der Kommunikation ausgehen, das Roman Jakobson in seinem berühmten Werk "Linguistik und Poetik"(2) beschrieben hat.
Jakobson: Zu den sechs wichtigsten "Faktoren" des kommunikativen Diskurses - Sprecher, Zuhörer, Medium oder
Kanal, Code, Situation und Botschaft - bezieht er sich auf sechs korrelative "Funktionen": die emotionalen, konativen, phatischen, metasprachlichen, referentiellen und poetischen Funktionen.
Ricoeur: Wenn wir von diesem Schema ausgehen, können wir untersuchen, welche Veränderungen, Transformationen oder Deformationen das Zusammenspiel von Fakten und Funktionen beeinflussen, wenn der Diskurs schriftlich festgehalten wird. >Medien/Ricoeur.
II 28
(...) erschöpft die Problematik der Fixierung und Beschriftung das Problem des Schreibens? Mit anderen Worten, ist Schreiben nur eine Frage des Medienwechsels, bei dem die menschliche Stimme, das Gesicht und die Geste durch andere materielle Zeichen als den eigenen Körper des Sprechers ersetzt werden? Wenn wir die Bandbreite der sozialen und politischen Veränderungen betrachten, die mit der Erfindung des Schreibens verbunden sein können, können wir vermuten, dass das Schreiben viel mehr ist als bloße materielle Fixierung.
[Die] politische Implikation des Schreibens ist nur eine seiner Folgen. Auf die Festlegung von Regeln für die Abrechnung kann man die Geburt der Marktbeziehungen, also die Geburt der Ökonomie, zurückführen. Auf die Konstituierung von Archiven, Geschichte. Auf die Fixierung des Rechts als Maßstab für Entscheidungen, unabhängig von der Meinung des konkreten Richters, die Geburt der Rechts- und Gerichtsgesetze usw. Ein solch immenses Wirkungsspektrum legt den Schluss nahe, dass der menschliche Diskurs nicht nur durch seine schriftliche Fixierung vor der Zerstörung bewahrt wird, sondern dass er in seiner kommunikativen Funktion zutiefst betroffen ist.
Literatur/Ricoeur: Wenn das menschliche Denken ohne das Zwischenstadium der gesprochenen Sprache direkt zum Schreiben gebracht wird, nimmt die Schrift den Platz des Sprechens ein. Es entsteht eine Art Abkürzung zwischen der Bedeutung des Diskurses und dem materiellen Medium.
II 29
Das Ausmaß dieser Substitution lässt sich am besten messen, wenn man die Bandbreite der Veränderungen betrachtet, die bei den anderen Komponenten des Kommunikationsprozesses auftreten. Die Beziehung Schreiben-Lesen ist nicht mehr ein Sonderfall der Beziehung Sprechen-Hören. Beim schriftlichen Diskurs (...). fallen die Absicht des Autors und der Sinn des Textes nicht mehr zusammen. Diese Distanzierung von der verbalen Bedeutung des Textes und der mentalen Intention des Autors verleiht dem Begriff der Inschrift seine entscheidende Bedeutung, die über die bloße Fixierung des bisherigen mündlichen Diskurses hinausgeht.
II 30
Meinen/Intention: Was der Text bedeutet, ist jetzt wichtiger als das, was der Autor gemeint hat, als er ihn geschrieben hat. >Intentionaler Fehlschluss/Wimsatt, >Literatur/Ricoeur.


1. Jacques Derrida, La voix et le phénoméne (Paris: Presses Universitaires de France, 1967); L'écriture et la différence (Paris: Seuil, 1967); De la grammatologie (Paris: Les Editions de
Minuit, 1967); „La Mythologie blanche," Rhétorique et philosophie, Poétique, 5 (1955); reprinted in Marges de la philosophie (Paris: Les Editions de Minuit, 1972), pp. 247-324.
2. R. Jakobson, „Linguistics and Poetics“. In: T. A. Sebeok (ed.), Style in Language (Cambridge: Massachusetts Institute of Technology Press, 1960), pp. 350-377.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Ricoeur I
Paul Ricoeur
Die Interpretation. Ein Versuch über Freud Frankfurt/M. 1999

Ricoeur II
Paul Ricoeur
Interpretation theory: discourse and the surplus of meaning Fort Worth 1976

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