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Hans-Georg Gadamer über Allegorie – Lexikon der Argumente

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Allegorie/Gadamer: Allegorie entsteht aus dem theologischen Bedürfnis, in religiöser
Überlieferung - so ursprünglich im Homer - das Anstößige zu eliminieren und gültige Wahrheiten dahinter zu erkennen. Eine entsprechende Funktion gewinnt sie im rhetorischen Gebrauch überall dort, wo die Umschreibung und indirekte Aussage schicklicher erscheint.
Allegorie gehört ursprünglich der Sphäre des Redens, des Logos an, ist also eine rhetorische bzw. hermeneutische Figur. Statt des eigentlich Gemeinten wird ein Anderes, Handgreiflicheres gesagt, aber so, daß dieses dennoch jenes andere verstehen lässt.
Symbol dagegen ist nicht auf die Sphäre des Logos eingeschränkt. Denn Symbol hat nicht durch seine Bedeutung den Bezug auf eine andere Bedeutung, sondern sein eigenes sinnfälliges Sein hat ‚Bedeutung‘.
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Das Symbol ist der Zusammenfall des Sinnlichen und Unsinnlichen, die Allegorie der bedeutungsvolle Bezug des Sinnlichen auf das Unsinnliche. >Symbol/Kant, >Symbol/Goethe, >Allegorie/Schelling.
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Allegorie/Gadamer: [Im Verlauf der Diskussion des Symbols zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu einer] Abwertung der Allegorie. >Symbol/Solger, >Symbol/Kant, >Symbol/Schiller, >Symbol/Schelling, >Symbol/Gadamer.
Von Anbeginn an mag dabei die Abwehr des französischen Klassizismus durch die deutsche Ästhetik seit Lessing und Herder eine Rolle gespielt haben(1). Immerhin behält Solger den Ausdruck des Allegorischen noch in einem sehr hohen Sinne der gesamten christlichen Kunst vor und
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Friedrich Schlegel geht noch weiter. Er sagt: Alle Schönheit ist Allegorie (Gespräch über Poesie). Auch Hegels Gebrauch des Begriffs symbolisch (wie der Creuzers) steht diesem Begriff des Allegorischen noch ganz nahe. Aber dieser Sprachgebrauch der Philosophen, dem die romantischen Ideen über das Verhältnis des Unaussprechlichen zur Sprache und die Entdeckung
der allegorischen Poesie des zugrunde liegen, ist von dem Bildungshumanismus des 19. Jahrhunderts nicht mehr festgehalten worden. Man berief sich auf die Weimarer Klassik, und in der Tat, die Abwertung der Allegorie war das beherrschende Anliegen der deutschen Klassik,
das sich ganz notwendig aus der Befreiung der Kunst von den Fesseln des Rationalismus und aus der Auszeichnung des Geniebegriffes ergab. Die Allegorie ist gewiss nicht allein Sache des Genies. Sie beruht auf festen Traditionen und hat stets eine bestimmte, angebbare Bedeutung, die sich gar
nicht dem verstandesmäßigen Erfassen durch den Begriff widersetzt. Im Gegenteil, Begriff und Sache der Allegorie ist mit Dogmatik fest verknüpft (...).(...) in dem Augenblick, wo sich das Wesen der Kunst von aller dogmatischen Bindung löste und durch die unbewusste Produktion des Genies definiert werden konnte, musste die Allegorie ästhetisch fragwürdig werden.
So sehen wir von Goethes kunsttheoretischen Bemühungen einen starken Einfluss dahin ausgehen, das Symbolische zum positiven, das Allegorische zum negativ-künstlerischen Begriff zu stempeln.


1. Hier erscheint für Klopstock (X, 254ff.) selbst Winckelmann noch in falscher Abhängigkeit: »Die beiden Hauptfehler der meisten allegorischen Gemälde sind, daß sie oft gar nicht oder doch sehr mühsam verstanden werden, und daß sie, ihrer Natur nach, uninteressant sind...“ .


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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