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Hans-Georg Gadamer über Historisches Bewusstsein – Lexikon der Argumente

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Historisches Bewusstsein/Gadamer: [Gadamer stellt das historische Bewusstsein in einen Zusammenhang mit dem >Ich-Du-Verhältnis]: Das Ich-Du-Verhältnis ist ja kein unmittelbares, sondern ein Reflexionsverhältnis. Allem Anspruch entspricht ein Gegenanspruch. Darin entspringt die Möglichkeit, dass jeder der Partner des Verhältnisses den anderen reflektierend überspielt. Er beansprucht den Anspruch des anderen von sich aus zu kennen, ja sogar ihn besser zu verstehen, als er sich selbst versteht. Damit verliert das Du die Unmittelbarkeit, mit der es seinen Anspruch an einen richtet. Es wird verstanden, d, h. aber vom Standpunkt des anderen aus antizipiert und reflektierend abgefangen.
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Im hermeneutischen Bereich entspricht nun solcher Erfahrung des Du, was man im allgemeinen das historische Bewusstsein nennt. Das historische Bewusstsein weiß um die Andersheit des Anderen, um die Vergangenheit in ihrer Andersheit so gut, wie das Verstehen des Du dasselbe als Person weiß.
Es sucht im Anderen der Vergangenheit nicht den Fall einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit, sondern ein historisch Einmaliges. Indem es sich im Anerkennen desselben über alle eigene Bedingtheit ganz zu erheben beansprucht, ist es jedoch in einem dialektischen Schein befangen, da es in Wahrheit der Vergangenheit gleichsam Herr zu werden sucht. Das braucht nicht mit dem spekulativen Anspruch einer Philosophie der Weltgeschichte zu geschehen - es kann auch als ein Ideal der vollendeten Aufklärung dem Erfahrungsgange der historischen Wissenschaften voranleuchten, wie wir das etwa an Dilthey erkannten. >Historisches Bewusstsein/Dilthey.
Wir haben den dialektischen Schein, den das historische Bewusstsein erzeugt und der dem dialektischen Schein der im Wissen vollendeten Erfahrung entspricht, in unserer Analyse des hermeneutischen Bewusstseins insoweit aufgedeckt, als das Ideal der historischen Aufklärung etwas Unvollziehbares ist. Wer seiner Vorurteilslosigkeit gewiss zu sein meint, indem er sich auf die Objektivität seines Verfahrens stützt und seine eigene geschichtliche Bedingtheit verleugnet, der erfährt die Gewalt der Vorurteile, die ihn unkontrolliert beherrschen, als eine vis a tergo. Wer die ihn beherrschenden Urteile nicht wahrhaben will, wird das verkennen, was sich in ihrem Lichte zeigt. Es ist wie im Verhältnis zwischen Ich und Du. >Objektivismus/Gadamer, >Vorurteil/Gadamer, >Methode/Gadamer.
Lösung/Gadamer: Tradition, Überlieferung: In Überlieferungen
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stehen (...) schränkt nicht die Freiheit des Erkennens ein, sondern macht sie möglich.
Offenheit: Diese Erkenntnis und Anerkennung nun ist es, die eine dritte, die höchste
Weise hermeneutischer Erfahrung ausmacht: die Offenheit für die Überlieferung, die das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein besitzt. Auch sie hat eine echte Entsprechung zu der Erfahrung des Du. Im mitmenschlichen Verhalten kommt es darauf an, wie wir sahen, das Du als Du wirklich zu erfahren, d. h, seinen Anspruch nicht zu überhören und sich etwas von ihm sagen zu lassen. Vgl. >Kritik/Schlegel.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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> Gegenargumente gegen Gadamer

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