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Hans-Georg Gadamer über Klassisches – Lexikon der Argumente

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Das Klassische/Gadamer: Das Klassische ist gerade dadurch eine wahrhaft geschichtliche Kategorie, dass es mehr ist als ein Epochenbegriff oder ein historischer Stilbegriff und dass es dennoch nicht ein übergeschichtlicher Wertgedanke sein will. Es bezeichnet nicht eine Qualität, die bestimmten geschichtlichen Erscheinungen zuzusprechen ist, sondern eine ausgezeichnete Weise des Geschichtlichseins selbst, den geschichtlichen Vorzug der Bewahrung, die - in immer erneuerter Bewährung - ein Wahres sein lässt.
Es ist durchaus nicht so, wie die historische Denkweise glauben machen wollte, dass das Werturteil, durch das etwas als klassisch ausgezeichnet wird, von der historischen Reflexion und ihrer an allen teleologischen Konstruktionen des Geschichtsganges geübten Kritik wirklich zersetzt würde.
Werturteil/Gadamer: Das Werturteil, das im Begriff des Klassischen impliziert ist, gewinnt vielmehr an solcher Kritik eine neue, seine eigentliche Legitimation: Klassisch ist, was der historischen Kritik
gegenüber standhält, weil seine geschichtliche Herrschaft, die verpflichtende Macht seiner sich überliefernden und bewahrenden Geltung, aller historischen Reflexion schon voraus liegt und sich in ihr durchhält. Beispiel:
Hellenismus/Droysen/Gadamer: Droysen hat mit Recht die weltgeschichtliche Kontinuität und die Bedeutung des Hellenismus für die Geburt und Ausdeutung des Christentums betont. Aber er hätte es nicht erst nötig gehabt, diese historische Theodizee zu vollziehen, wenn es nicht noch immer ein Vorurteil zugunsten des Klassischen gegeben hätte und wenn nicht die Bildungsmacht
des an der „klassischen Antike“ festgehalten und sie als das unverlorene antike Erbe in der abendländischen Bildung bewahrt hätte.
Klassik/Gadamer: Das Klassische ist eben im Grunde etwas anderes als ein deskriptiver Begriff, den
ein objektivierendes historisches Bewusstsein handhabt; es ist eine geschicht-
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liche Wirklichkeit, der auch noch das historische Bewusstsein zugehört und untersteht. Was klassisch ist, das ist herausgehoben aus der Differenz der wechselnden Zeit und ihres wandelbaren Geschmacks (...).
Norm/Klassik/Gadamer: Das erste also an dem Begriff des (und das entspricht auch ganz dem antiken wie dem neuzeitlichen Sprachgebrauch) ist der normative Sinn. Sofern diese Norm aber auf eine einmalige vergangene Größe rückschauend bezogen wird, die sie erfüllte und darstellte, enthält sie immer schon elnen Zeit-Ton, der sie geschichtlich artikuliert.
Klassizismus/Gadamer: So war es kein Wunder, dass mit der beginnenden historischen Reflexion, für die in Deutschland (...) der Klassizismus Winckelmanns bestimmend geworden ist, aus dem in dieser Weise als klassisch Geltenden ein historischer Begriff einer Zeit oder einer Epoche abgelöst wurde, um ein inhaltlich umschriebenes Stilideal, und zugleich historisch-deskriptiv eine Zeit oder
eine Epoche zu bezeichnen, die dieses Ideal erfüllte.
Epigonentum/Gadamer: Im Abstand des Epigonen, der den Maßstab aufrichtet, zeigt sich, dass die Erfüllung dieses Stilideals einen weltgeschichtlichen Augenblick bezeichnet, der der Vergangenheit
angehört.
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Gattungen/Ideal/Stilphasen/Gadamer: [die als] klassisch geltenden Autoren sind, wie man weiß, jeweils die Repräsentanten bestimmter literarischer Gattungen. Sie galten als die perfekte Erfüllung
solcher Gattungsnorm, ein in der Retrospektive der literarischen Kritik sichtbares Ideal. Denkt man nun diesen Gattungsnormen gegenüber historisch, das heißt, denkt man die Geschichte dieser Gattungen, dann wird das Klassische zu dem Begriff einer Stilphase, eines Höhepunktes, der nach
Vorher und Nachher die Geschichte dieser Gattung artikuliert.
Epochen/Gadamer: Sofern nun die gattungsgeschichtlichen Höhepunkte zu einem guten Teile dem gleichen, eng bemessenen Zeitraum angehören, bezeichnet das Klassische innerhalb des Ganzen der geschichtlichen Entwicklung des klassischen Altertums eine solche Phase und wird so zum Epochenbegriff, der mit dem Stilbegriff verschmilzt. >Das Klassische/Hegel.
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Diese Erörterung des Begriffs des Klassischen (...) möchte eine allgemeine Frage wecken. Sie lautet: Liegt am Ende solche geschichtliche Vermittlung der Vergangenheit mit der Gegenwart, wie sie den Begriff des Klassischen prägt, allem historischen Verhalten als wirksames Substrat zugrunde? >Hermeneutik/Gadamer.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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> Gegenargumente gegen Gadamer

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