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G.W. Leibniz über Ideale Sprache – Lexikon der Argumente

Gadamer I 419
Universalsprache/Ideale Sprache/Leibniz/Gadamer: Die grundsätzliche Erhebung über die Kontingenz der historischen Sprachen und die Unbestimmtheit ihrer Begriffe wäre nur durch die mathematische Symbolik möglich: in der Kombinatorik eines solchen durchgeführten Zeichensystems ließen sich - das war Leibniz' Idee - neue Wahrheiten gewinnen, die von mathematischer Gewissheit wären, weil der durch ein
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solches Zeichensystem abgebildete ordo in allen Sprachen eine Entsprechung hätte.(1)
Gadamer: Es ist wohl klar, das ein solcher Anspruch der characteristica universalis, eine ars inveniendi zu sein, wie ihn Leibniz erhebt, gerade auf der Künstlichkeit dieser Symbolik beruht. Sie ermöglicht ein Rechnen, d, h. ein Auffinden von Relationen aus den formalen Gesetzlichkeiten der Kombinatorik - unabhängig davon, ob uns Erfahrung vor entsprechende Zusammenhänge
in den Sachen führt.
Leibniz: Es gibt für die menschliche Vernunft keine höhere Adäquatheit des Erkennens als die notitia numerorum(2), und nach dem Muster derselben verfährt alles Rechnen.
GadamerVsLeibniz: [1.] Doch gilt allgemein, dass die Unvollkommenheit des Menschen eine adäquate Erkenntnis a priori nicht gestattet und die Erfahrung unentbehrlich ist.
[2.] Klar und distinkt ist Erkenntnis durch solche Symbole nicht, denn das Symbol bedeutet kein anschauliches Gegebensein. Solche Erkenntnis ist „blind“ sofern das Symbol an die Stelle einer wirklichen Erkenntnis tritt, deren Beschaffbarkeit allein anzeigend.
Leibniz: Das Ideal von Sprache, dem Leibniz nachgeht, ist also eine „Sprache“ der Vernunft, eine analysis notionum, die im Ausgang von den „ersten“ Begriffen das ganze System der wahren Begriffe entwickeln und die Abbildung des All des Seienden leisten würde, wie es der göttlichen Vernunft entspräche.(3) Die Schöpfung der Welt als die Rechnung Gottes, der unter den Möglichkeiten des Seins die beste ausrechnet, würde auf diese Weise vom menschlichen
Geiste nachgerechnet.
GadamerVsLeibniz: An diesem Ideal wird in Wahrheit deutlich, dass Sprache etwas anderes ist als ein bloßes Zeichensystem zur Bezeichnung des gegenständlichen Ganzen. Das Wort ist nicht nur Zeichen. In irgendeinem schwer zu erfassenden Sinne ist es doch auch fast so etwas wie ein Abbild. Man braucht nur die extreme Gegenmöglichkeit einer reinen Kunstsprache zu erwägen, um in
einer solchen archaischen Sprachtheorie ein relatives Recht zu erkennen. Dem Wort kommt auf eine rätselhafte Weise Gebundenheit an das „Abgebildete“, Zugehörigkeit zum Sein des Abgebildeten zu.


1. Vgl. Leibniz, Erdm. S. 77.
2. Leibniz, De cognitione, veritate et ideis (1684) Erdm., p. 79ff.
3. Bekanntlich entwickelte schon Descartes im Brief an Mersenne vom 20. 11. 1629 den Leibniz kannte, am Vorbild der Bildung der Zahlenzeichen die Idee einer solchen Zeichensprache der Vernunft, die die ganze Philosophie enthielte. Eine Vorform dessen, freilich in platonisierender Einschränkung dieser Idee, findet sich schon bei Nicolaus Cusanus, Idiota de mente Ill, cap. VI.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente

Lei II
G. W. Leibniz
Philosophical Texts (Oxford Philosophical Texts) Oxford 1998

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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