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Hans-Georg Gadamer über Inkarnation – Lexikon der Argumente

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Inkarnation/Christentum/Sprache/Gadamer: Es gibt (...) einen Gedanken, der kein griechischer Gedanke ist und der dem Sein der Sprache besser gerecht wird (Vgl. >Sprache und Denken/Antike Philosophie), so dass die Sprachvergessenheit des abendländischen Denkens keine vollständige werden kann. Es ist der christliche Gedanke der Inkarnation.
Inkarnation ist offenbar nicht Einkörperung. Weder die Seelenvorstellung noch die Gottesvorstellung, die mit solcher Einkörperung verknüpft sind, entsprechen dem christlichen Begriff der Inkarnation. Das Verhältnis von Seele und Leib, wie es in diesen Theorien, so in der
platonisch-pythagoreischen Philosophie, gedacht wird und der religiösen Vorstellung der Seelenwanderung entspricht, setzt vielmehr die vollständige Andersheit der Seele gegenüber dem Leib. Sie behält in allen Einkörperungen ihr Fürsichsein, und die Lösung vom Leib gilt als Reinigung, d. h. als Wiederherstellung ihres wahren und eigentlichen Seins.
Auch die Erscheinung des Göttlichen in menschlicher Gestalt, die die griechische Religion so
menschlich macht, hat nichts mit Inkarnation zu tun. Gott wird da nicht Mensch, sondern zeigt sich den Menschen in menschlicher Gestalt, indem er zugleich seine übermenschliche Gestalt ganz und gar behält. Demgegenüber schließt die Menschwerdung Gottes, wie sie die christliche Religion lehrt, das Opfer, das der Gekreuzigte als der Menschensohn auf sich nimmt, d. h. aber ein geheimnisvoll anderes Verhältnis ein, dessen theologische Ausdeutung in der Lehre von der Trinität geschieht.
I 423
Gadamer: [Die Inkarnation hängt mit dem] Problem des Wortes aufs engste zusammen. Die Ausdeutung des Geheimnisses der Trinität, wohl die wichtigste Aufgabe, die dem Denken des christlichen Mittelalters gestellt war, lehnt sich schon bei den Vätern und schließlich in systematischer Durchbildung des Augustinismus in der Hochscholastik an das menschliche Verhältnis von Sprechen und Denken an. Die Dogmatik folgt damit vor allem dem Prolog des Johannes-Evangeliums, und so sehr es griechische Denkmittel sind, mit denen sie ihre eigene theologische Aufgabe zu lösen sucht, so gewinnt doch das philosophische Denken durch sie eine dem griechischen Denken verschlossene Dimension. Wenn das Wort Fleisch wird und erst in dieser Inkarnation die Wirklichkeit des Geistes sich vollendet, so wird damit der Logos aus seiner Spiritualität, die zugleich seine kosmische Potentialität bedeutet, befreit. Die Einmaligkeit des Erlösungsgeschehens führt den Einzug des geschichtlichen Wesens in das abendländische Denken herauf und lässt auch das Phänomen der Sprache aus seiner Versenkung in die Idealität des Sinnes heraustreten und sich dem philosophischen Nachdenken darbieten. Denn im Unterschied zum griechischen Logos gilt: das Wort ist reines Geschehen (verbum proprie dicitur personaliter tantum).(1)
Schon die Weise, wie in der Patristik die theologische Spekulation über das Mysterium der Inkarnation an das hellenistische Denken anschließt, ist für die neue Dimension, auf die sie zielt, bezeichnend. So versucht man anfangs, von dem stoischen Begriff des inneren und des äußeren Logos (logos endiathetos - prophorikos) Gebrauch zu machen.(2) Diese Unterscheidung sollte ursprünglich das stoische Weltprinzip des Logos von der Äußerlichkeit des bloßen Nachsprechens abheben.(3) Für den christlichen Offenbahrungsglauben wird nun sogleich die umgekehrte Richtung von positiver Bedeutung. Die Analogie von innerem und äußerem Wort, das Lautwerden des Wortes in der vox, gewinnt jetzt einen exemplarischen Wert. >Wort/Gadamer, >Wort/Antike Philosophie.


1. Thomas I. qu 34
2. Ich beziehe mich im folgenden auf den unterrichtenden Artikel "Verbe" im Dictionnaire de Théologie catholique, sowie auf Lebreton, Histoire du dogme de la Trinité.
3. Die Papageien: Sext. adv. math. V Ill, 275.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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> Gegenargumente gegen Gadamer

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