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Sozialpsychologie über Vergeltung - Lexikon der Argumente

Parisi I 141
Vergeltung/Abschreckung/Recht/Sozialpsychologie/Nadler/Mueller: Zwei vorherrschende normative Theorien der Bestrafung in der juristischen Literatur sind Vergeltung (oder "gerechte Strafe") und Utilitarismus (spezifische oder allgemeine Abschreckung, sowie Entmündigung und Rehabilitation) (Hart, 2008(1); Ten, 1987(2)). (...) erst in jüngster Zeit haben Forscher systematisch den psychologischen Einfluss von Abschreckungs- und Vergeltungsmotiven auf das Strafurteil von Menschen untersucht.
Psychologie: Die Ergebnisse weisen auf eine interessante Spaltung hin: Abstrakt betrachtet befürworten Menschen explizit utilitaristische Ziele (z.B. erfolgreiche Abschreckung, die zu einer Reduzierung von Verbrechen führt), aber wenn sie mit einem konkreten Szenario konfrontiert werden, entscheiden sie sich durchweg für vergeltende Strafen (Carlsmith, 2008)(3). Vergeltung: Diese Beweise deuten darauf hin, dass Menschen intuitive Retributivisten sind, die Urteile auf der Grundlage von Intuitionen über gerechte Strafen fällen, obwohl diese intuitiven Urteile manchmal durch vernünftigere Überlegungen außer Kraft gesetzt werden können (siehe Carlsmith und Darley, 2008(4) für eine Übersicht).
Moral: Gleichzeitig kann der Argumentationsprozess selbst auf Vergeltung ausgerichtet sein: Wenn eine Reihe verschiedener Informationen zur Verfügung gestellt wird, entscheiden sich die Teilnehmer eher für Informationen über moralische Schwere und andere vergeltende Faktoren als für Informationen, die für utilitaristische Ziele relevant sind (Carlsmith, 2006(5); Carlsmith, Darley, und Robinson, 2002(6)).
Konsequentialismus: In der Tat führen bestimmte konsequentialistische moralische Entscheidungen, obwohl sie gesellschaftlich gebilligt werden, zu der Schlussfolgerung, dass der Akteur, der die Entscheidung trifft oder ausführt, einen minderwertigen moralischen Charakter hat (Uhlmann, Zhu und Tannenbaum, 2013)(7).
Beispiel: die Entscheidung, ein Leben zu opfern, um mehrere Leben zu retten, kann zu negativen Charakterschlüssen über den Handelnden führen, auch wenn die Entscheidung als moralisch korrekt angesehen wird (Uhlmann et al., 2013)(7).
Wiederherstellung: Ziele der wiederherstellenden Gerechtigkeit sind in manchen Fällen ebenfalls intuitiv ansprechend. Im Gegensatz zur Vergeltung zielt die wiederherstellende Gerechtigkeit darauf ab, den Schaden, der verursacht wurde, durch Prozesse zu reparieren, in denen der Täter, das Opfer und vielleicht Mitglieder der Gemeinschaft eine angemessene wiederherstellende Sanktion bestimmen (Bazemore, 1998;(8) Braithwaite, 2002(9)). Dieses Gerechtigkeitsziel ist mit Vergeltung vereinbar; wenn man die Wahl hat, entscheiden sich die meisten Teilnehmer selbst bei schweren Verbrechen für eine Konsequenz mit sowohl vergeltenden als auch wiederherstellenden Komponenten gegenüber Konsequenzen, die nur eines der beiden Ziele erfüllen (Gromet und Darley, 2006)(10).


1. Hart, H. L. A. (2008). Punishment and Responsibility: Essays in the Philosophy of Law. Oxford:
Oxford University Press.
2. Ten, C. L. (1987). Crime, Guilt, and Punishment: A Philosophical Introduction. Oxford:
Clarendon Press.
3. Carlsmith, K. M. (2008). "On Justifying Punishment: The Discrepancy Between Words and
Actions." Social Justice Research 21 (2): 119-137. doi:10.1007 /sl 1211-008-OOO-X.
4. Carlsmith, K. M. and J. M. Darley (2008). "Psychological Aspects of Retributive Justice," in
Mark P. Zanna, Hrsg., Advances in Experimental Social Psychology, Vol. 40, 193-236. San
Diego: Academic Press.
5. Carlsmith, K. M. (2006). "The Roles of Retribution and Utility in Determining Pun-
ishment." Journal of Experimental Social Psychology 42(4): 43 7—451. doi: 10.1016/j.jesp.2005.06.007.
6. Carlsmith, K. M., J. M. Darley, and P. H. Robinson (2002). "Why Do We Punish?: Deterrence
and Just Desserts as Motives for Punishment." Journal of Personality and social Psychology doi:10.103 7/0022-3514.83.2.284.
7. Uhlmann, E. L., L. (Lei) Zhu, and D. Tannenbaum (2013). "When It Takes a Bad Person to Do
the Right Thing." Cognition doi:10.1016/j.cognition.2012.10.005.
8. Bazemore, G. (1998). "Restorative Justice and Earned Redemption Communities, Victims, and Offender Reintegration." American Behavioral Scientist 41(6): 768-813.
doi:10.1177/0002764298041006003.
9. Braithwaite, J. (2002). Restorative Justice and Responsive Regulation. New York: Oxford Uni-
versity Press.
10. Gromet, D. M. and J. M. Darley (2009). "Punishment and Beyond: Achieving Justice
Through the Satisfaction of Multiple Goals." Law and society Review 43(1): 1-38.

Nadler, Janice and Pam A. Mueller. „Social Psychology and the Law“. In: Parisi, Francesco (Hrsg.) (2017). The Oxford Handbook of Law and Economics. Bd. 1: Methodology and Concepts. NY: Oxford University Press


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Sozialpsychologie

Parisi I
Francesco Parisi (Ed)
The Oxford Handbook of Law and Economics: Volume 1: Methodology and Concepts New York 2017

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