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Utilitarismus: Eine Lehre der Ethik, die den angenommenen größten Nutzen für die größte Anzahl Betroffener als das moralisch Anzustrebende annimmt. Siehe auch Hedonismus, Gut/Das Gute, Präferenz-Utilitarismus, Regel-Utilitarismus, Ethik, Moral, Deontologie, Konsequentialismus, Nutzen.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

Politische Theorien über Utilitarismus - Lexikon der Argumente

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Utilitarismus/Politische Philosophie/Weinstein: Zeitgenössische englische Utilitaristen haben sich mit zunehmender Subtilität und Raffinesse für einen liberalen Utilitarismus eingesetzt.
Herrschaftlicher Utilitarismus: Regel-Utilitaristen betonen die Kompatibilität des Utilitarismus mit anerkannten moralischen Regeln und Intuitionen (Hare, 1981(1); Harsanyi, 1985(2); Hooker, 2000(3)), während ...
Liberaler Utilitarismus: ... liberale Utilitaristen Utilitarismus mit starken liberalen Rechten verbinden (Gray, 1983(4); Riley, 1988(5)).
All diese Darstellungen stellen jedoch unterschiedliche Versionen dessen dar, was heute allgemein als indirekter Utilitarismus bekannt ist.
Indirekter Utilitarismus: Für indirekte Utilitaristen, so James Griffin, dient das Prinzip der Nützlichkeit als "Kriterium" zur Beurteilung von Handlungsklassen. Im Gegensatz dazu fungieren etablierte moralische Regeln und/oder grundlegende liberale Rechte als Quellen direkter Verpflichtungen (oder "Entscheidungsverfahren"), um individuelle Handlungen zu lenken (Griffin, 1994(6): 179). Handlungen sind moralisch falsch, wenn sie gegen diese Entscheidungsverfahren verstoßen. Indirekte Utilitaristen sind der Meinung, dass die Einhaltung solcher Entscheidungsverfahren den allgemeinen Nutzen insgesamt am besten maximiert, wenn auch nicht unbedingt in kurzfristigen Einzelfällen. Mit anderen Worten, manchmal ist richtiges Handeln gleichbedeutend mit falschem Handeln. Aber warum sollte ich richtig handeln, wenn richtiges Handeln in einer bestimmten Situation zufällig nicht das Beste für den Utilitaristen ist? Warum sollte ich ein geistloser, regelverliebter Trottel sein?*
Grundrechte/Gleichberechtigung/Liberaler Utilitarismus: (...) für den liberalen Utilitarismus fungieren die Grundrechte als kritische Entscheidungsverfahren und machen ihn juristischer als den herrschenden Utilitarismus. Rechte lenken unser Handeln indirekt entlang unantastbarer Kanäle akzeptablen Verhaltens, die angeblich einen allgemeinen Gesamtnutzen erzeugen. Aber der liberale Utilitarismus ist nicht einfach eine juristischere Version des indirekten Utilitarismus.
VsLiberaler Utilitarismus: Der zeitgenössische liberale Utilitarismus wird oft in der gleichen Weise kritisiert, wie Mill's zeitgenössische Gegner ihn wegen seines Versuchs, die Unversöhnlichen zu versöhnen, angriffen. So hat beispielsweise John Gray (1989(7): 218-24) seine frühere Begeisterung für den liberalen Utilitarismus widerrufen und stimmt mit den Kritikern des liberalen Utilitarismus darin überein, dass er vergeblich versucht, mehrere ultimative normative Kriterien miteinander zu verbinden, nämlich Nützlichkeit und unanfechtbare moralische Rechte.
Gray: Bei Gray übertrumpft entweder die Maximierung des Nutzens logischerweise die Rechte, oder Rechte (sofern sie ein authentisches moralisches Gewicht besitzen) übertrumpfen die Maximierung des Nutzens. Der liberale Utilitarismus scheitert logisch, weil er in entgegengesetzte normative Richtungen zieht und uns anweist, den Nutzen zu maximieren, wenn er Rechte verletzt, und Rechte zu respektieren, wenn er den Nutzen nicht maximiert. Manchmal müssen wir zwischen unserem Liberalismus und unserem Utilitarismus wählen.
Egalitärer Utilitarismus: Egalitäre Liberale haben im Gegensatz zu Utilitaristen die Gleichheit über den Nutzen als ihr vorrangiges normatives Anliegen. Dennoch sind Utilitaristen der Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit gegenüber nicht gleichgültig. Wie wir gerade gesehen haben, nehmen die indirekten Utilitaristen diese Werte ernst, wenn auch nicht so ernst, dass sie die Nutzenmaximierung als obersten normativen Standard übertrumpfen. Utilitaristen schätzen Gleichheit auch in dem Sinne, dass Unparteilichkeit konstitutiv für das Prinzip der Nützlichkeit ist. Das "Glück eines jeden Menschen genau so sehr wie das eines anderen" (Mill, 1969(8): 257).** Für egalitäre Liberale spielt die Gleichheit jedoch eine gewichtigere Rolle, weil viele von ihnen internalistische Argumente für die Gleichheit bevorzugen.*** Und weil ihnen die Gleichheit von vornherein wichtig ist, neigen sie auch dazu, sich mehr mit Fragen der Gleichheit des "Was" als des "Warum" zu beschäftigen. Vgl. >Individuum/Bradley, >Freiheit/Bosanquet, >Selbstverwirklichung/Hobhouse.
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Neuer Liberalismus: (...) die neuen Liberalen befürworteten eine robustere Schwelle der Gleichberechtigung der Chancen. Obwohl sie mit >Bosanquet darin übereinstimmten, dass der Besitz von Eigentum ein mächtiges Mittel der 'Selbstdarstellung' und daher entscheidend für eine erfolgreiche Externalisierung und Verwirklichung unserer selbst sei, legten sie auch fest, dass Privateigentum nur insoweit legitim sei, als es
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die Chancengleichheit nicht untergräbt.
Hobson: In Hobsons Worten: "Ein Mensch, der nicht ausreichend versorgt ist, ist nicht wirklich frei für Zwecke der Selbstentfaltung", mit gleichberechtigtem und einfachem Zugang zu Land, einem Heim, Kapital und Krediten. Hobson kommt zu dem Schluss, dass, obwohl der Liberalismus kein Staatssozialismus ist, er dennoch in erheblichem Maße "mehr öffentliches Eigentum und Kontrolle über die Industrie" impliziert (1974(9): xii). Neue Liberale haben also den englischen Liberalismus verändert, indem sie die soziale Wohlfahrt und die Rolle des Staates bei ihrer Förderung in den Mittelpunkt rückten. Sie machten aus dem Wohlfahrtsliberalismus eine ausgeklügelte theoretische Alternative.****

* Für Kritiker des zeitgenössischen indirekten Utilitarismus sind regierungsverehrende Trottel irrational, weil der Regel-Utilitarismus nicht nur paradox, sondern unlogisch ist. Richtig zu handeln, kann niemals bedeuten, dass man manchmal etwas falsch macht, als ob Handeln und Tun verschiedene Dinge bedeuten. Regel-Utilitaristen haben darauf reagiert, indem sie zwischen idealistischem Regel-Utilitarismus, tatsächlichem staatlichem Regel-Utilitarismus und bedingtem Regel-Utilitarismus unterschieden haben. Der idealistische Regel-Utilitarismus besagt, dass Handlungen dann richtig sind, wenn sie mit Regeln übereinstimmen, deren allgemeine Akzeptanz den Nutzen fördern würde. Der tatsächliche staatliche Utilitarismus fügt die Bedingung hinzu, dass diese Regeln tatsächlich allgemein akzeptiert werden müssen. Der Utilitarismus der bedingten Herrschaft ist noch schwächer, da er weiter festlegt, dass Handlungen dann richtig sind, wenn sie mit Regeln übereinstimmen, die stets den Nutzen maximieren.

** Mill fährt fort: "Der gleiche Anspruch eines jeden auf Glück beinhaltet einen gleichen Anspruch auf alle Mittel zum Glück" (1969(8): 257). In einer aufschlussreichen Fußnote über Spencer fügt Mill hinzu, dass "vollkommene Unparteilichkeit zwischen Personen" voraussetzt, dass "gleiche Mengen an Glück gleich wünschenswert sind, unabhängig davon, ob sie von derselben oder von verschiedenen Personen empfunden werden". Diese egalitären Implikationen der Unparteilichkeit sind nicht identisch und führen zu sehr unterschiedlichen Umverteilungsstrategien.

*** Für Gerald Gaus (2000(10): 136-45) sind utilitaristische Argumente für Gleichheit äußerlich, weil sie die Gleichbehandlung um der Förderung eines äußeren Wertes willen befürworten, nämlich des Glücks willen. Argumente von grundlegender menschlicher Gleichheit rechtfertigen Gleichbehandlung auf der Grundlage irgendeines (internen) Attributs, wonach Menschen angeblich in Wirklichkeit gleich sind.

**** Idealisten wie Jones und Collingwood befürworteten in ähnlicher Weise eine energische Ausweitung der Chancengleichheit durch die Regierung.


1. Hare, R. M. (1981) Moral Thinking. Oxford: Oxford mversity Press.
2. Harsanyi, John (1985) 'Rule utilitarianism, equality and justice'. Social Philosophy and Policy, 2: 115-27.
3. Hooker, Brad (2000) Ideal code, Real World. Oxford: Oxford University Press.
4. Gray, John (1983) Mill on Liberty: A Defence. London: Routledge.
5. Riley, Jonathan (1988) Liberal Utilitarianism. Cambridge: Cambridge University Press.
6. Griffin, James (1994) 'The distinction between a criterion and a decision procedure', Utilitas, 6: 177-82.
7. Gray, John (1983) Mill on Liberty: A Defence. London: Routledge.
8. Mill, J. S. (1969) Utilitarianism. In J. M. Robson, Hrsg., The Collected Works of J. S. Mill, vol. 10. Toronto: University of Toronto Press.
9. Hobson, J. A. (1974 119091) The Crisis of Liberalism. Brighton: Barnes and Noble.
10. Gaus, Gerald (2000) Political Concepts and Political Theories. Boulder, CO: Westview.

Weinstein, David 2004. „English Political Theory in the Nineteenth and Twentieth Century“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Politische Theorien

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

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