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Politische Theorien über Multikulturalismus - Lexikon der Argumente

Gaus I 256
Multikulturalismus/Politische Philosophie/Kukathas: Nicht alle Theorien, (...) waren dem Multikulturalismus gegenüber gut gestimmt, insbesondere wenn der Preis der kulturellen Vielfalt so aussah, als ob er die Akzeptanz illiberaler oder tyrannischer Praktiken wäre.
Fish: Stanley Fish (1998(1): 73-5) zufolge kann niemand wirklich für Multikulturalismus eintreten, weil dies voraussetzen würde, dass alle Kulturen toleriert werden, auch diejenigen, die entschlossen sind, die Toleranz auszumerzen. Die meisten Multikulturalisten sind daher keine "echten", sondern "Boutique"-Multikulturalisten, die bereit sind, Unterschiede zu tolerieren
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solange die Unterschiede trivial sind. Doch unabhängig davon, ob Fishs Argument stichhaltig ist - und es ist zumindest diskutabel, angesichts der langen Geschichte der Debatte über die Frage der Toleranz gegenüber Intoleranten (Heyd, 1996)(2) - haben einige Theoretiker den Schluss gezogen, dass der Multikulturalismus weichen muss, wenn er mit wichtigeren Grundwerten in Konflikt gerät.
EgalitarismusVsMultikulturalismus: Die umfassendste liberale egalitäre Kritik am Multikulturalismus wurde von Brian Barry in seinem Buch "Culture and Equality" (2001)(3) vorgelegt.
Barry: Nach Barry ist Multikulturalismus unvereinbar mit Liberalismus und dem Respekt vor liberalen Werten und sollte daher abgelehnt werden.
Galston: [William] Galston hat den Begriff 'Reformationsliberalismus' geschaffen. Im Gegensatz zum "Liberalismus der Aufklärung", der die Bedeutung der individuellen Autonomie betont, hält Galston an der Vielfalt fest, schätzt sie und sieht die Bedeutung von "Unterschieden zwischen Individuen und Gruppen in Fragen wie der Natur des guten Lebens, Quellen moralischer Autorität, Vernunft versus Glaube und dergleichen" (1995(4): 521).
BarryVsGalston: Barry lehnt diese Unterscheidung ab, ist aber dennoch besonders kritisch gegenüber denjenigen, die dem Lager des die Vielfalt fördernden Liberalismus angehören. >Multikulturalismus/Barry.
FeminismusVsMultikulturalismus: Einer der wichtigsten Einwände gegen den Multikulturalismus besteht darin, dass er, wenn er Ausnahmen oder Sonderrechte für kulturelle Gruppen oder religiöse Gemeinschaften und Organisationen anstrebt, faktisch den Schutz von Gruppen anstrebt, deren Praktiken sexistisch und für Frauen höchst nachteilig - wenn nicht gar schädlich - sind.
Susan Moller Okin: Diese Ansicht wurde am eindringlichsten von Susan Okin (1998(5) 1999a(6); 1999b(7); 2002(8)) vertreten, die sich mit fast allen prominenten Verteidigern des Multikulturalismus auseinandergesetzt hat und ihr Engagement für die Rechte und Interessen der Frauen als unzureichend empfand. >Multikulturalismus/Feminismus.
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Nation/Nationalität/Staatsbürgerschaft/Soziale Gerechtigkeit/Kukathas: (...) ein gewisses Maß an sozialer Solidarität ist notwendig, wenn die Bürgerinnen und Bürger mit Institutionen, die die Umverteilungsfunktionen nutzen, mitgehen sollen. In der Tat kann das Funktionieren rechtlicher und politischer Institutionen, wie von anderen argumentiert wurde, in erheblichem Maße von einer substanziellen Bereitschaft der Bevölkerung eines Staates abhängen, sich als Mitglieder derselben Gruppe zu betrachten, die sich gegenseitig etwas schuldig sind, und zwar in einer Weise, die sie nicht Außenstehenden schuldig sind (Patten, 2001)(9). Aus diesem Grund kann es notwendig sein, dass der Staat ein Interesse an der Förderung eines Bürgerschafts- und Zugehörigkeitsgefühls hat. Vgl. >Multikulturalismus, >Diversität, >Minderheitenrechte, >Kymlicka.
Individualismus/Anerkennung/Kukathas: Der Wunsch jedes Einzelnen, als anders und unverwechselbar anerkannt zu werden, führt zu der Forderung nach einer Politik des Multikulturalismus - einer Politik, die Vielfalt anerkennt und toleriert, ja sogar ermutigt und ehrt. Doch die Politik der Vielfalt kann ihrerseits zu einer Forderung nach politischer Trennung und zur Entstehung von Gemeinschaften führen, in denen Vielfalt keinen Platz hat. Die Frage, wie die Vielen als eine Einheit leben können, bleibt eine herausragende Frage in der politischen Theorie.


1. Fish, Stanley (1998) 'Boutique multiculturalism'. In Arthur Melzer, Jerry Weinberger and M. Richard Zinman, Hrsg., Multiculturalism and American Democracy. Lawrence, KS: University of Kansas Press,
2. Heyd, David, Hrsg. (1996) Toleration: An Elusive Virtue. Princeton, NJ: Princeton University Press.
3. Barry, Brian (2001) Cultuæ and Equality: An Egalitarian Critique of Multiculturalism. Oxford: Polity.
4. Galston, William (1995) 'Two concepts of Liberalism', Ethics, 105(3): 516-34.
5. Okin, Susan Moller (1998) 'Feminism and multiculturalism: some tensions'. Ethics, 108: 661—84.
6. Okin, Susan Moller (1999a) 'Is multiculturalism bad for women?'. In Joshua Cohen, Matthew Howard and Martha C. Nussbaum, eds, Is Multiculturalism Bad for Women? Princeton, NJ: Princeton University Press, 7-24.
7. Okin, Susan Moller (1999b) 'Reply'. In Joshua Cohen, Matthew Howard and Martha C. Nussbaum, eds, Is Multiculturalism Bad for Women? Princeton, NJ: Princeton University Press, 115—31.
8. Okin, Susan Moller (2002) '"Mistresses of their own destiny": group rights, gender, and realistic rights of exit'. Ethics, 112: 205-30.
9. Patten, Alan (2001) 'Liberal citizenship in multinational societies'. In Alain-G. Gagnon and James Tully, eds, Multinational Democracies. Cambridge: Cambridge University Press, 279—98.


Kukathas, Chandran 2004. „Nationalism and Multiculturalism“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Politische Theorien

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

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