Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Dasein Heidegger Gadamer I 261
Dasein/Heidegger/Gadamer: Dass es dem Dasein um sein Sein geht, dass es vor allem anderen Seienden durch Seinsverständnis ausgezeichnet ist, stellt nicht, wie es in „Sein und Zeit“ scheint, die letzte Basis dar, von der eine transzendentale Fragestellung auszugehen hat. Vielmehr ist von einem ganz anderen Grunde die Rede, der alles Seinsverständnis erst möglich macht, und das ist, dass es überhaupt ein „da“, eine Lichtung
Gadamer I 262
im Sein, d.h. die Differenz von Seiendem und sein gibt. >Nichts/Heidegger. Heideggers hermeneutische Phänomenologie und die Analyse der Geschichtlichkeit des Daseins zielten auf eine allgemeine Erneuerung der Seinsfrage (…).
Gadamer I 264
Verstehen/HeideggerVsDilthey/HeideggerVsHusserl: Verstehen (...) ist die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In-der-Weltsein (...). >Hermeneutik/Heidegger. Vor aller Differenzierung des Verstehens in die verschiedenen Richtungen des pragmatischen oder theoretischen Interesses ist Verstehen die Seinsart des Da-seins, sofern es Seinkönnen und “Möglichkeit“ ist.
[Aufgabe des Verstehens]: durch eine „transzendentale Analytik des Daseins“ diese Struktur des Daseins aufzuklären. >Erkennen/Heidegger.
Gadamer I 265
Verstehen/Gadamer: Jetzt (...) wird aufgrund der existenzialen Zukünftigkeit des menschlichen Daseins die Struktur des historischen Verstehens erst in ihrer ganzen ontologischen Fundierung sichtbar.
Gadamer I 266
Geschichte: (...) dass wir nur Historie treiben, sofern wir selber sind, bedeutet, dass die Geschichtlichkeit des menschlichen Daseins in ihrer ganzen Bewegtheit des Gewärtigens und des Vergessens die Bedingung dafür ist, dass wir Gewesenes überhaupt vergegenwärtigen.
Gadamer I 267
Hermeneutik/Gadamer: [es ist die ] Frage, ob aus der ontologischen Radikalisierung, die Heidegger gebracht hat, etwas für den Aufbau einer historischen Hermeneutik gewonnen werden kann. Heideggers Absicht selber war gewiss eine andere, und man muss sich hüten, aus seiner existenzialen Analyse der Geschichtlichkeit des Daseins (>Geschichtlichkeit) voreilige Konsequenzen zu ziehen. Die existenziale Analytik des Daseins schließt nach Heidegger kein bestimmtes geschichtliches Existenzideal in sich.

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Erkenntnistheorie Dilthey Gadamer I 222
Erkenntnistheorie/Dilthey/Gadamer: Die Spannung zwischen dem ästhetisch-hermeneutischen und dem geschichtsphilosophischen Motiv in der historischen Schule erreicht ihren Höhepunkt bei Wilhelm Dilthey. Dilthey hat dadurch seinen Rang, dass er das erkenntnistheoretische Problem, das die historische Weltansicht gegenüber dem Idealismus impliziert, wirklich erkennt.
Gadamer I 223
Die Wurzel der Zwiespältigkeit (...) liegt in der bereits gekennzeichneten Zwischenstellung der historischen Schule zwischen Philosophie und Erfahrung. Sie wird durch Diltheys Versuch einer erkenntnistheoretischen Grundlegung nicht etwa aufgelöst, sondern findet dadurch eine eigene Zuspitzung. Diltheys Bemühung um eine philosophische Grundlegung der Geisteswissenschaften sucht die erkenntnistheoretischen Konsequenzen aus dem zu ziehen, was Ranke und Droysen gegenüber dem deutschen Idealismus geltend machten.
Das war Dilthey selber voll bewusst.
DiltheyVsHistorismus: [Dilthey] sah die Schwäche der historischen Schule in der mangelnden Konsequenz ihrer Reflexionen: »Anstatt in die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen der historischen Schule und die des Idealismus von Kant bis Hegel zurückzugehen und so die Unvereinbarkeit dieser Voraussetzungen zu erkennen, haben sie diese Standpunkte unkritisch verbunden«(1). So konnte er sich das Ziel setzen, zwischen historischer Erfahrung und idealistischem Erbe der historischen Schule eine neue erkenntnistheoretisch tragfähige Grundlage aufzubauen. Das ist der Sinn seiner Absicht, Kants Kritik der reinen Vernunft durch eine Kritik der historischen Vernunft zu ergänzen. >Historische Vernunft/Dilthey.
Gadamer I 226
In gewisser Weise ist [die Aufgabe der Erkenntnistheorie] leichter. Sie braucht nicht erst nach dem Grund der Möglichkeit zu fragen, daß unsere Begriffe mit der in Übereinstimmung sind. Denn die geschichtliche Welt, um deren Erkenntnis es hier geht, ist immer schon eine vom Menschengeist gebildete und geformte. Aus diesem Grunde meint Dilthey, allgemein gültige synthetische Urteile der Geschichte seien hier gar kein Problem(2) und beruft sich dafür auf Vico. Wir erinnern uns, daß Vico im Gegenschlag zu dem cartesianischen Zweifel und der durch ihn begründeten Gewissheit mathematischer Erkenntnis der Natur den erkenntnistheoretischen Primat
der von den Menschen gemachten Welt der Geschichte behauptet hatte.
Dilthey wiederholt das gleiche Argument. Er schreibt: »Die erste Bedingung für die Möglichkeit der Geschichtswissenschaft liegt darin, dass ich selbst ein geschichtliches Wesen bin, dass der, welcher die Geschichte erforscht, derselbe ist, der die Geschichte macht«(3).
Gadamer: Es ist die Gleichartigkeit von Subjekt und Objekt, die die historische Erkenntnis ermöglicht. >Erfahrung/Dilthey.
Gadamer I 228
(...) nicht, wie überhaupt Zusammenhang erlebbar und erkennbar wird, ist das Problem der Geschichte, sondern wie auch solche Zusammenhänge erkennbar sein sollen, die niemand als solche erlebt hat. Immerhin kann kein Zweifel sein, wie sich Dilthey die Aufklärung dieses Problems vom Phänomen des Verstehens aus dachte. Verstehen ist Verstehen von Ausdruck. Im Ausdruck ist das Ausgedrückte in anderer Weise da, als die
Gadamer I 229
Ursache in der Wirkung. Es ist im Ausdruck selbst gegenwärtig und wird verstanden, wenn der Ausdruck verstanden wird.
Gadamer I 234
Dilthey selbst hat darauf hingewiesen, dass wir nur geschichtlich erkennen, weil wir selber geschichtlich sind. Das sollte eine erkenntnistheoretische Erleichterung sein.
Gadamer I 235
GadamerVsDilthey: Aber kann es das sein? Ist Vicos oft genannte Formel denn überhaupt richtig? Überträgt sie nicht eine Erfahrung des menschlichen Kunstgeistes auf die geschichtliche Welt, in der man von „Machen“ d. h. von Planen und Ausführen angesichts des Laufs der Dinge überhaupt nicht reden kann? Wo soll hier die erkenntnistheoretische Erleichterung herkommen? Ist es nicht in Wahrheit eine Erschwerung? Muss nicht die geschichtliche Bedingtheit des Bewusstseins eine unüberwindliche Schranke darfür darstellen, dass es sich in geschichtlichem Wissen vollendet? >Historisches Bewusstsein/Dilthey, >Geist/Dilthey, >Philosophie/Dilthey, >Erkenntnistheorie/Gadamer.


1. Dilthey, Ges. Schriften Vll, 281.
2. Ges. Schriften Vll, 278.
3. a.a.O. (GadamerVsDilthey: Aber wer macht eigentlich die Geschichte?)

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Gegebenes Dilthey Gadamer I 70
Gegebenes/Geisteswissenschaften/Wissenschaft/Dilthey/Gadamer: Da es [Dilthey] darauf ankommt, die Arbeit der Geisteswissenschaften erkenntnistheoretisch zu rechtfertigen, beherrscht ihn überall das Motiv des wahrhaft Gegebenen. Es ist also ein erkenntnistheoretisches Motiv oder besser das Motiv der Erkenntnistheorie selber, das seine Begriffsbildung motiviert und das dem sprachlichen Vorgang (...) (>Erlebnis/Dilthey) entspricht.
((s)VsDilthey: siehe die Kritik Wilfrid Sellars‘ am Begriff des Gegebenen: >Gegebenes/Sellars).
Geisteswissenschaften/Gadamer: Das charakterisiert eben die Entwicklung der Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert, dass sie nicht nur äußerlich die Naturwissenschaften als
Vorbild anerkennen, sondern daß sie, aus dem gleichen Grunde kommend, aus dem die neuzeitliche Naturwissenschaft lebt, das gleiche Pathos von Erfahrung und Forschung entwickeln wie sie. ((s) Vgl. >Empfindungen/Carnap).
Gadamer I 71
Dilthey/Gadamer: Die Gegebenheiten im Bereich der Geisteswissenschaften sind nämlich von besonderer Art, und das will Dilthey durch den Begriff des „Erlebnisses“ formulieren. In Anknüpfung an Descartes' Auszeichnung der res cogitans bestimmt er den Begriff des Erlebnisses durch Reflexivität, durch das Innesein, und will von dieser besonderen Gegebenheitsweise aus die Erkenntnis der geschichtlichen Welt erkenntnistheoretisch rechtfertigen. Die primären Gegebenheiten, auf die die Deutung der geschichtlichen Gegenstände zurückgeht, sind nicht Daten des Experiments und der Messung, sondern Bedeutungseinheiten. Das ist es, was der Begriff des Erlebnisses sagen will: Gegebenes/Dilthey: Die Sinngebilde, denen wir in den Geisteswissenschaften begegnen, mögen
uns noch so fremd und unverständlich gegenüberstehen - sie lassen sich auf letzte Einheiten des im Bewusstsein Gegebenen zurückführen, die selber nichts Fremdes, Gegenständliches, Deutungsbedürftiges mehr enthalten. Es sind die Erlebniseinheiten, die selber Sinneinheiten sind.

Gadamer I 231
Gegebenes/Geisteswissenschaften/Dilthey/Gadamer: Der Begriff des Gegebenen ist [in den Geisteswissenschaften] von grundsätzlich anderer Struktur [als in den Naturwissenschaften]. Es zeichnet die Gegebenheiten der Geisteswissenschaften gegenüber denen der Naturwissenschaften aus, »daß man alles Feste, alles Fremde, wie es den Bildern der physischen Welt eigen ist, wegdenken muss von dem Begriff des Gegebenen auf diesem Gebiet«(1). Alles Gegebene ist hier hervorgebracht.
Dilthey: Der alte Vorzug, den schon Vico den geschichtlichen Gegenständen zusprach, begründet nach Dilthey die Universalität, mit der das Verstehen sich der geschichtlichen Welt bemächtigt.
Gadamer: Die Frage ist jedoch, ob auf dieser Basis der Übergang vom psychologischen zum hermeneutischen Standpunkt wirklich gelingt oder ob sich Dilthey dabei in Problemzusammenhänge verstrickt, die ihn in eine ungewollte und uneingestandene Nähe zum spekulativen Idealismus bringen.
Nicht nur Fichte, sondern bis in die Worte hinein ist an der zitierten Stelle Hegel hörbar. Seine Kritik an der „Positivität“(2) der Begriff der Selbstentfremdung, die Bestimmung des Geistes als Selbsterkenntnis im Anderssein lassen sich leicht von diesem Diltheyschen Satz aus ableiten, und man fragt sich, wo eigentlich die Differenz bleibt, die die historische Weltansicht gegenüber dem Idealismus betonte und die Dilthey erkenntnistheoretisch zu legitimieren unternahm.
Diese Frage verstärkt sich, wenn man die zentrale Wendung bedenkt, mit der Dilthey das Leben, diese Grundtatsache der Geschichte, charakterisiert. >Lebensphilosophie/Dilthey.


1. Dilthey, Ges. Schriften VIl, 148.
2. Hegels theologische Jugendschriften, ed. Nohl, S. 139f.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Geschichte Dilthey Pfotenhauer IV 62
Geschichte/Verstehen/Vico/Dilthey: Dilthey wollte an Vicos Grundsatz von der prinzipiellen Verständlichkeit der historischen Phänomene festhalten. Dies sollte gegen die positivistische Indifferenz geltend gemacht werden, die Geschichte und Natur in gleicher Weise zu betrachten entschlossen war. (DiltheyVsComte). Dilthey These: Dilthey schlug vor, das Geschehen unter dem Gesichtspunkt der Zwecksetzungen interessierter, wertorientierter Subjekt zu deuten. (M. Riedel Verstehen oder erklären? Stuttgart 1978, S. 19ff).
Pfotenhauer IV 63
HeideggerVsDilthey/GadamerVsDilthey/Pfotenhauer: Von Heidegger (M. Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1953, S. 397) bis Gadamer (G. Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 1972, S. 205ff) erhob sich der Vorwurf der historisch-ästhetischen Anmaßung; man wolle sich genussvoll und allesverstehend des Menschlichen bemächtigen. Der Beschränktheit lebensgeschichtlich vorgeprägter Perspektiven werde dabei methodisch nicht hinreichend Rechnung getragen. „Jeder ist sich selbst der Fernste“ – Nietzsches Diktum könnte für diese Einwand als eine zugespitzte Formulierung gelten.
Pfotenhauer IV 97
Form/Inhalt/Kunst/Nietzsche/Pfotenhauer: (F. Nietzsche, Nachgel. Fragm. Nov. 1887-März 1888, KGW VIII,2 S. 251f): Man ist um den Preis Künstler, dass man das, was alle Nichtkünstler ‚Form‘ nennen, als Inhalt, als die ‚Sache selbst‘ empfindet. Gehalt/Nietzsche/Pfotenhauer: der Gehalt wäre die innere Stimmigkeit selbst, die innere Stimmigkeit der Gehalt.


Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Pfot I
Helmut Pfotenhauer
Die Kunst als Physiologie. Nietzsches ästhetische Theorie und literarische Produktion. Stuttgart 1985
Hermeneutik Dilthey Gadamer I 180
Hermeneutik/Dilthey/Gadamer: [Zur theologischen, insbesondere lutherischen Bibelinterpretation]: (…) die reformatorische Theologie erscheint nicht (…) als konsequent. Indem sie schließlich die protestantischen Glaubensformeln als Leitfaden für das Verständnis der Einheit der Bibel in Anspruch nimmt, hebt auch sie das Schriftprinzip auf zugunsten einer allerdings kurzfristigen reformatorischen Tradition. So hat darüber nicht nur die gegenreformatorische Theologie, sondern auch Dilthey geurteilt(1). Er glossiert diese Widersprüche der protestantischen Hermeneutik aus dem vollen Selbstgefühl der historischen Geisteswissenschaften heraus. Entwicklung der Diltheyschen Hermeneutik: Erst einmal musste sich die Hermeneutik
aus aller dogmatischen Beschränkung lösen und zu sich selbst befreien, um zu der universalen Bedeutung eines historischen Organon aufzusteigen. Das geschah im 18. Jahrhundert, als Männer wie Semler und Ernesti erkannten, dass ein adäquates Verständnis der Schrift die Anerkennung der
Verschiedenheit ihrer Verfasser, also die Preisgabe der dogmatischen Einheit des Kanon voraussetzt. Mit dieser »Befreiung der Auslegung vom „Dogma« (Dilthey) rückte die Sammlung der Heiligen Schriften der Christenheit in die Rolle einer Sammlung historischer Quellen, die als Schrift-
werke nicht nur einer grammatischen, sondern zugleich auch einer historischen Interpretation unterworfen werden mussten(2).
DiltheyVsTradition: Der alte Auslegungsgrundsatz, das Einzelne aus dem Ganzen zu verstehen, war nun nicht mehr auf die dogmatische Einheit des Kanons bezogen und beschränkt, sondern ging auf das Umfassende der geschichtlichen
Gadamer I 181
Wirklichkeit, zu deren Ganzheit das einzelne historische Dokument gehört. Gadamer: (…) wie es nunmehr keinen Unterschied mehr gibt zwischen der Interpretation heiliger oder profaner Schriften und damit nur eine Hermeneutik existiert, so ist diese Hermeneutik am Ende nicht nur eine propädeutische Funktion aller Historik als Kunst der rechten Auslegung schriftlicher Quellen, sondern übergreift noch das ganze Geschäft der Historik selbst.
Denn was von den schriftlichen Quellen gilt, dass jeder Satz in ihnen nur aus dem Zusammenhang verstanden werden könne, das gilt auch von den Inhalten, die sie berichten. Auch deren Bedeutung steht nicht für sich fest. Der weltgeschichtliche Zusammenhang, in dem sich die Einzelgegenstände
der historischen Forschung, große wie kleine, in ihrer wahren relativen Bedeutung zeigen, ist selbst ein Ganzes, von dem aus alles Einzelne in seinem Sinn erst voll verstanden wird und das umgekehrt erst von diesen Einzelheiten aus voll verstanden werden kann.
Gadamer I 182
Tradition: An sich ist die Geschichte des Verstehens schon seit den Tagen der antiken Philologie von theoretischer Reflexion begleitet. Aber diese Reflexionen haben den Charakter einer „Kunstlehre“, d. h. sie wollen der Kunst des Verstehens dienen, wie etwa die Rhetorik der Redekunst, die Poetik der Dichtkunst und ihrer Beurteilung dienen wollen. In diesem Sinne war auch die theologische Hermeneutik der Patristik und die der Reformation eine Kunstlehre. DiltheyVsTradition/Gadamer: Jetzt aber wird das Verstehen als solches gemacht. ((s) VsDilthey: Vgl. >Hermeneutik/Schleiermacher.)
Gadamer I 202
Hermeneutik/Dilthey/Gadamer: Die historische Interpretation vermag als Mittel zum Verständnis eines gegebenen Textes dienen, wenngleich sie in anderer Interessenwendung in ihm eine bloße Quelle sieht, die sich dem Ganzen der historischen Überlieferung eingliedert. In klarer methodischer Reflexion finden wir das freilich weder bei Ranke noch bei dem scharfen Methodologen Droysen ausgesprochen, sondern erst bei Dilthey, der die romantische Hermeneutik bewusst aufgreift und zu einer historischen Methodik, ja zu einer Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaften ausweitet. Ditlhey: Nicht nur die Quellen begegnen als Texte, sondern die geschichtliche Wirklichkeit selbst ist ein zu verstehender Text. Mit dieser Übertragung der Hermeneutik auf die Historik ist Dilthey aber nur der Interpret der historischen Schule. Er formuliert das, was Ranke und Droysen selber im Grunde denken.
Historische Schule/Dilthey/HegelVsHistorismus/Gadamer: Wir werden noch sehen, dass Hegels
Philosophie der Weltgeschichte, gegen die sich die historische Schule auflehnte (DiltheyVsHegel), die Bedeutung der Geschichte für das Sein des Geistes und die Erkenntnis der Wahrheit ungleich tiefer erkannt hat als die großen Historiker, die ihre Abhängigkeit von ihm sich nicht eingestehen wollten.

Gadamer I 245
Hermeneutik/Dilthey/Gadamer: Wie wir bei Schleiermacher sahen, ist das Vorbild seiner Hermeneutik das im Verhältnis vom Ich zum Du erreichbare kongeniale Verstehen.. Die Meinung des Autors ist aus seinem Text unmittelbar zu ersehen. Der Interpret ist mit seinem Autor absolut gleichzeitig. Das ist der Triumph der philologischen Methode, vergangenen Geist so als gegenwärtigen, fremden als vertrauten zu erfassen. Dilthey: Dilthey ist von diesem Triumph ganz und gar durchdrungen. Er gründet darauf die Ebenbürtigkeit der Geisteswissenschaften. Wie die naturwissenschaftliche Erkenntnis stets ein Gegenwärtiges aufeinen in ihm gelegenen Aufschluss befragt, so befragt der Geisteswissenschaftler Texte. Damit glaubte Dilthey den Auftrag zu erfüllen, den er als den seinen empfand, die Geisteswissenschaften erkenntnistheoretisch zu rechtfertigen, indem er die geschichtliche Welt wie einen zu entziffernden Text dachte. >Text/Dilthey.



1. Vgl. Dilthey II, 126 Anm. 3 die von Richard Simon an Flacius geübte Kritik.
2. Semler, der diese Forderung stellt, meint damit freilich noch dem Heilssinn der Bibel zu dienen, sofern der historisch Verstehende »nun auch imstande ist, von diesen Gegenständen auf eine solche Weise jetzt zu reden, als es die veränderte Zeit und andere Umstände der Menschen neben uns erfordern« (zitiert nach G. Ebeling, RGG3 Hermeneutik) also Historie im Dienste der applicatio.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Hermeneutik Heidegger Gadamer I 259
Hermeneutik/Heidegger/Gadamer: Unter dem Stichwort einer „Hermeneutik der Faktizität“ stellte Heidegger der eidetischen Phänomenologie Husserls und der Unterscheidung von Tatsache und Wesen, auf der sie beruhte, eine paradoxe Forderung entgegen. Vgl. >Leben/Husserl. Heidegger: Die unbegründbare und unableitbare Faktizität des Daseins, die Existenz, und nicht das reine cogito als Wesensverfassung von typischer Allgemeinheit, sollte die ontologische Basis der
phänomenologischen Fragestellung darstellen (...).
Vorgeschichte/Gadamer: Die kritische Seite dieses Gedankens war gewiss nicht schlechthin neu. Sie
war schon in der Weise einer Kritik am Idealismus von den Junghegelianern gedacht worden, und insofern ist es kein Zufall, dass der aus der geistigen Krise des Hegelianismus stammende Kierkegaard wie von anderen Kritikern des neukantianischen Idealismus so auch von Heidegger damals aufgegriffen wurde. Auf der anderen Seite sah sich aber diese Kritik am Idealismus damals wie heute dem umfassenden Anspruch der transzendentalen Fragestellung gegenüber. Sofern die transzendentale Reflexion kein mögliches Motiv des Gedankens in der Entfaltung des Inhalts des Geistes ungedacht lassen wollte - und das war seit Hegel der Anspruch der Transzendentalphilosophie -, hatte sie jeden möglichen Einwand in die totale Reflexion des Geistes immer schon einbezogen.
HusserlVsHeidegger: (...) Husserl [konnte] das In-der-Welt-sein als ein Problem der
Horizontintentionalität des transzendentalen Bewusstseins anerkennen, denn die absolute Historizität der transzendentalen Subjektivität musste auch den Sinn von Faktizität auszuweisen vermögen. Daher hatte Husserl in konsequentem Festhalten an seiner Leitidee des Ur-Ich sogleich gegen Heidegger einwenden können, dass der Sinn von Faktizität selber ein Eidos ist, also wesensmäßig der eidetischen Sphäre der Wesensallgemeinheiten angehöre.(1)
Gadamer I 264
Verstehen/HeideggerVsDilthey/HeideggerVsHusserl: Verstehen (...) ist die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In-der-Weltsein (...). >Historismus/Heidegger.
Gadamer I 267
Hermeneutik/Heidegger/Gadamer: [es ist die ] Frage, ob aus der ontologischen Radikalisierung, die Heidegger gebracht hat, etwas für den Aufbau einer historischen Hermeneutik gewonnen werden kann. Heideggers Absicht selber war gewiss eine andere, und man muss sich hüten, aus seiner existenzialen Analyse der Geschichtlichkeit des Daseins voreilige Konsequenzen zu ziehen. Die existenziale Analytik des Daseins schließt nach Heidegger kein bestimmtes geschichtliches Existenzideal in sich. Insofern beansprucht sie selbst noch für eine theologische Aussage über den Menschen und seine Existenz im Glauben eine apriorisch-neutrale Geltung.
Gadamer I 268
Durch Heideggers transzendentale Interpretation des Verstehens gewinnt das Problem der Hermeneutik einen universalen Umriss, ja den Zuwachs einer neuen Dimension. Die Zugehörigkeit des Interpreten zu seinem Gegenstande, die in der Reflexion der historischen Schule keine rechte Legitimation zu finden vermochte (>Hermeneutik/Dilthey), erhält nun einen konkret aufweisbaren Sinn, und es ist die Aufgabe der Hermeneutik, die Aufweisung dieses Sinnes zu leisten. Dass die Struktur des Daseins geworfener Entwurf ist, dass das Dasein seinem eigenen Seinsvollzug nach Verstehen ist, das muss auch für den Verstehensvollzug gelten, der in den Geisteswissenschaften geschieht. Die allgemeine Struktur des Verstehens erreicht im historischen Verstehen ihre Konkretion, indem konkrete Bindungen von Sitte und Überlieferung und ihnen entsprechende Möglichkeiten der eigenen Zukunft im Verstehen selber wirksam werden. Das sich auf sein Seinkönnen entwerfende Dasein ist immer schon „gewesen“. Das ist der Sinn des
Existenzials der Geworfenheit. Dass alles freie Sichverhalten zu seinem Sein hinter die Faktizität dieses Seins nicht zurück kann, darin lag die Pointe der Hermeneutik der Faktizität und ihr Gegensatz zu der transzendentalen
Gadamer I 269
Konstitutionsforschung der Husserlschen Phänomenologie. (HeideggerVsHusserl, >Konstitution/Husserl).


1. Bemerkenswerterweise fehlt in allen bisherigen Husserliana fast ganz eine namentliche Auseinandersetzung mit Heidegger. Das hat gewiss nicht nur biographische Gründe. Vielmehr mochte sich Husserl immer wieder in die Zweideutigkeit verstrickt sehen, die ihm Heideggers Ansatz von „Sein und Zeit“ bald als transzendentale Phänomenologie und bald als Kritik derselben erscheinen ließ. Er konnte seine eigenen Gedanken darin wiedererkennen, und doch traten sie in ganz anderer Frontstellung, in seinen Augen in polemischer Verzerrung, auf.

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Hermeneutik Schleiermacher Gadamer I 171
Hermeneutik/Schleiermacher/Gadamer: Am Anfang steht für Schleiermacher wie für Hegel das Bewusstsein eines Verlusts und einer Entfremdung gegenüber der Überlieferung, das ihre hermeneutische Besinnung herausfordert. Sie bestimmen dennoch die Aufgabe der Hermeneutik auf sehr verschiedene Weise. Schleiermacher (…) ist ganz darauf gerichtet, die ursprüngliche Bestimmung eines Werkes im Verständnis wiederherzustellen. Denn Kunst und Literatur, die uns aus der Vergangenheit überliefert sind, sind ihrer ursprünglichen Welt entrissen. So schreibt Schleiermacher, dass es schon
nicht mehr das Natürliche und Ursprüngliche sei, »wenn Kunstwerke in den Verkehr kommen. Nämlich jedes hat einen Teil seiner Verständlichkeit aus seiner ursprünglichen Bestimmung. « »Daher das Kunstwerk, aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, wenn dieser nicht geschichtlich aufbewahrt wird, von seiner Bedeutsamkeit verliert.« Er sagt geradezu: »So
ist also eigentlich ein Kunstwerk auch eingewurzelt in seinen Grund und Boden, in seine Umgebung. Es verliert schon seine Bedeutung, wenn es aus dieser Umgebung herausgerissen wird und in den Verkehr übergeht, es ist wie etwas, das aus dem Feuer gerettet ist und nun Brandflecken trägt«(1).
Gadamer I 172
Gadamer: Das geschichtliche Wissen öffnet nach Schleiermacher den Weg, das Verlorene zu ersetzen und die Überlieferung wiederherzustellen, sofern es das Okkasionelle und Ursprüngliche zurückbringt. So sucht das hermeneutische Bemühen den „Anknüpfungspunkt“ im Geiste des Künstlers wiederzugewinnen, der die Bedeutung eines Kunstwerks erst voll verständlich machen soll, genau wie es sonst Texten gegenüber verfährt, indem es die ursprüngliche Produktion des Verfassers zu reproduzieren strebt. ((s) Vgl. hierzu die Diskussion verschiedener philosophischer Theorien über >Bedeutungswandel.) GadamerVsSchleiermacher: (…) es fragt sich, ob das, was hier gewonnen wird, wirklich das ist, was wir als die Bedeutung des Kunstwerkes suchen, und ob das Verstehen richtig bestimmt wird, wenn wir in ihm eine Zweite Schöpfung, die Reproduktion der ursprünglichen Produktion, sehen. Am Ende Ist eine solche Bestimmung der Hermeneutik nicht minder widersinnig wie alle Restitution und Restauration vergangenen Lebens. Wiederherstellung ursprünglicher Bedingungen ist, wie alle Restauration, angesichts der Geschichtlichkeit unseres Seins ein ohnmächtiges Beginnen.
Hegel/Gadamer: Hegel geht einen anderen Weg als Schleiermacher: >Hermeneutik/Hegel.
Gadamer I 182
SchleiermacherVsDilthey/SchleiermacherVsTradition/Gadamer: Schleiermacher (…) sucht die Einheit der Hermeneutik nicht mehr in der inhaltlichen Einheit der Überlieferung, auf die das Verstehen angewendet werden soll, sondern abgelöst von aller inhaltlichen Besonderung in der Einheit eines Verfahrens, das nicht einmal durch die Art, wie die Gedanken überliefert sind, ob schriftlich oder mündlich, in fremder oder in der eigenen gleichzeitigen Sprache, differenziert wird. (Vgl. >Hermeneutik/Dilthey). Schleiermachers Idee einer universalen Hermeneutik bestimmt sich von
Gadamer I 183
da aus. Sie ist aus der Vorstellung entstanden, dass die Erfahrung der Fremdheit und die Möglichkeit des Missverständnisses eine universelle ist. SchleiermacherVsTradition: (…) gerade die Ausweitung der hermeneutischen Aufgabe auf das „bedeutsame Gespräch“, die für Schleiermacher besonders charakteristisch ist, zeigt, wie sich der Sinn der Fremdheit, deren Überwindung die Hermeneutik leisten soll, gegenüber der bisherigen Aufgabenstellung der Hermeneutik grundsätzlich gewandelt hat. In einem neuen, universalen
Sinn ist Fremdheit mit der Individualität des Du unauflöslich gegeben.
Gadamer: Man darf den lebhaften, ja genialen Sinn für menschliche Individualität, der Schleiermacher auszeichnet, gleichwohl nicht als eine individuelle Besonderheit nehmen, die hier die Theorie beeinflusst. Vielmehr ist es die kritische Abwehr all dessen, das im Zeitalter der Aufklärung unter dem Titel „Vernünftige Gedanken“ als das gemeinsame Wesen der Humanität galt, was zu einer grundsätzlichen Neubestimmung des Verhältnisses zur Überlieferung nötigt(2).
Gadamer I 188
Verstehen/SchleiermacherVsTradtion: (…) , anstelle eines „Aggregats von Observationen“ [gilt es] eine wirkliche Kunstlehre des Verstehens zu entwickeln Das bedeutet etwas grundsätzlich Neues. Denn nun rechnet man mit der Verständnisschwierigkeit und dem Missverständnis nicht mehr als gelegentlichen, sondern als integrierenden Momenten, um deren vorgängige Ausschaltung es geht. So definiert Schleiermacher geradezu: »Hermeneutik ist die Kunst, Missverstand zu vermeiden«. Sie erhebt sich über die pädagogische Okkasionalität der Auslegungs-
Gadamer I 189
praxis zur Selbständigkeit einer Methode, sofern »das Missverstehen sich von selbst ergibt und das Verstehen auf jedem Punkt muss gewollt und gesucht werden«(3).
Gadamer I 191
Die Hermeneutik umfasst grammatische und psychologische Auslegungskunst .Schleiermachers Eigenstes ist aber die psychologische Interpretation. Sie ist letzten Endes ein divinatorisches Verhalten, ein Sich-versetzen in die ganze Verfassung des Schriftstellers, eine Auffassung des "inneren Herganges" der Abfassung eines Werkes(4) schöpferischen Aktes. Verstehen also ist eine auf eine ursprüngliche Produktion bezogene Reproduktion, ein Erkennen des Erkannten (Boeckh)(5), eine Nachkonstruktion, die von dem lebendigen Moment der Konzeption, dem „Keimentschluss“ als dem Organisationspunkt der Komposition ausgeht(6).
Gadamer: Eine solche isolierende Beschreibung des Verstehens bedeutet aber, dass das Gedankengebilde, das wir als Rede oder als Text verstehen wollen, nicht auf seinen sachlichen Inhalt hin, sondern als ein ästhetisches Gebilde verstanden wird, als Kunstwerk oder „künstlerisches Denken“. >Genie/Schleiermacher, >Verstehen/Schleiermacher.
Verstehen/Schleiermacher: Schleiermacher [kommt] zu dem Satz, es gelte, einen Schriftsteller besser zu verstehen, als er sich selber verstanden habe - eine Formel, die seither immer wiederholt
worden ist und in deren wechselnder Interpretation sich die gesamte Geschichte der neueren Hermeneutik abzeichnet.


1. Schleiermacher, Ästhetik, ed. R. Odebrecht, S. 84 ff.
2. Chr. Wolff und seine Schule rechneten die „allgemeine Auslegungskunst“ folgerichtig
zur Philosophie, da »endlich alles dahin abziele, dass man anderer Wahrheiten erkennen und prüfen möge, wenn man ihre Rede verstanden« (J.Walch, Philosophisches Lexikon, (1726), S. 165). Ähnlich ist es für Bentley, wenn er vom Philologen fordert: » Seine einzigen Führer seien Vernunft das Licht der Gedanken des Verfassers und ihre zwingende Gewalt« (zitiert nach Wegner, Altertumskunde, S. 94).
3. Schleiermacher, Hermeneutik § 15 und 16, Werke I, 7, S. 29f.
4. Schleiermacher Werke I, 7, S. 83.
5. Schleiermacher Werke III, 3, S. 355, 358, 364.
6. Boeckh, Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaft, ed. Bratuschek,
2.Autfl. 1886, S. 10.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Historisches Bewusstsein Dilthey Gadamer I 233
Historisches Bewusstsein/Dilthey/Gadamer: Gibt es auch für Dilthey einen absoluten Geist? (...) [also] eine völlige Selbstdurchsichtigkeit, völlige Tilgung aller Fremdheit (...)? Für Dilthey ist es keine Frage, dass es das gibt und dass es das geschichtliche Bewusstsein ist, das diesem Ideal entspricht, und nicht die spekulative Philosophie. Es sieht alle Erscheinungen der menschlich-geschichtlichen Welt nur als Gegenstände, an denen der Geist sich selbst tiefer erkennt. Sofern es sie als Objektivationen des Geistes versteht, übersetzt es sie zurück »in die geistige Lebendigkeit, aus der sie hervorgegangen sind«(1). Die Gestaltungen des objektiven Geistes sind für das historische Bewusstsein also Gegenstände der Selbsterkenntnis dieses Geistes. Das historische Bewusstsein breitet sich ins Universelle aus, sofern es alle Gegebenheiten der Geschichte als Äußerung des Lebens versteht, dem sie entstammen; »Leben erfasst hier Leben«(2). Insofern wird die gesamte Überlieferung für das historische Bewusstsein zur Selbstbegegnung des menschlichen Geistes. Es zieht damit an sich, was den besonderen Schöpfungen von Kunst, Religion und Philosophie vorbehalten schien. Nicht im spekulativen Wissen des Begriffs, sondern im historischen Bewusstsein vollendet sich das Wissen des Geistes von sich
Gadamer I 234
selbst. Es gewahrt in allem geschichtlichen Geist. Selbst die Philosophie gilt nur als Ausdruck des Lebens. Sofern sie sich dessen bewusst ist, gibt sie damit ihren alten Anspruch auf, Erkenntnis durch Begriffe zu sein. Sie wird Philosophie der Philosophie, eine philosophische Begründung dessen, dass es im Leben Philosophie - neben der Wissenschaft - gibt. Dilthey hat in seinen letzten Arbeiten eine solche Philosophie der Philosophie entworfen, in der er die Typen der Weltanschauung auf die Mehrseitigkeit des Lebens zurückführte, das sich in ihnen auslegt(3). Dilthey selbst hat darauf hingewiesen, dass wir nur geschichtlich erkennen, weil wir selber geschichtlich sind. Das sollte eine erkenntnistheoretische Erleichterung sein.
Gadamer I 235
GadamerVsDilthey: Aber kann es das sein? Ist Vicos oft genannte Formel denn überhaupt richtig? Überträgt sie nicht eine Erfahrung des menschlichen Kunstgeistes auf die geschichtliche Welt, in der man von „Machen“ d. h. von Planen und Ausführen angesichts des Laufs der Dinge überhaupt nicht reden kann? Wo soll hier die erkenntnistheoretische Erleichterung herkommen? Ist es nicht in Wahrheit eine Erschwerung? Muss nicht die geschichtliche Bedingtheit des Bewusstseins eine unüberwindliche Schranke dafür darstellen, dass es sich in geschichtlichem Wissen vollendet? Hegel/Gadamer: Hegel mochte durch die Aufhebung der Geschichte im absoluten Wissen diese Schranke überwunden meinen. Aber wenn das Leben die unerschöpflich-schöpferische Realität ist, als die es Dilthey denkt, muss dann nicht die beständige Wandlung des Bedeutungszusammenhanges der Geschichte ein Wissen, das Objektivität erreicht, ausschließen? Ist also das geschichtliche Bewusstsein am Ende ein utopisches Ideal und enthält einen Widerspruch in sich? >Verstehen/Dilthey, >Bewusstsein/Dilthey.
Gadamer I 238
Was ist die Auszeichnung des historischen Bewusstseins (...) dass seine eigene Bedingtheit den grundsätzlichen Anspruch objektiver Erkenntnis nicht aufheben soll?
Wissen/Absolutes Wissen: Seine Auszeichnung kann nicht darin bestehen, dass es wirklich im Sinne Hegels „absolutes Wissen« wäre, das heißt, in einem gegenwärtigen Selbstbewusstsein das Ganze des Gewordenseins des Geistes vereinigte.
Wahrheit: Der Anspruch des philosophischen Bewusstseins, die ganze Wahrheit der Geschichte des Geistes in sich zu enthalten, wird von der historischen Weltansicht ja gerade bestritten. Das ist vielmehr der Grund, weshalb es der geschichtlichen Erfahrung bedarf, dass das menschliche Bewusstsein kein unendlicher Intellekt ist, für den alles gleich-zeitig und gleich gegenwärtig ist. Absolute Identität von Bewusstsein und Gegenstand ist dem endlich-geschichtlichen Bewusstsein prinzipiell unerreichbar.
Gadamer I 239
Dilthey/Gadamer: [man kann seine Sicht so zusammenfassen]: Historisches Bewusstsein ist nicht so sehr Selbstauslöschung ((s) wie bei Hegel) als ein gesteigerter Besitz seiner selbst, der es gegenüber allen anderen Gestalten des Geistes auszeichnet. Es legt nicht mehr die Maße seines eigenen Lebensverständnissses an die Überlieferung, in der es steht, einfach an und bildet so in
naiver Aneignung der Überlieferung die Tradition weiter. Es weiß sich vielmehr zu sich selbst und zu der Tradition, in der es steht, in einem reflektierten Verhältnis. Es versteht sich selber aus seiner Geschichte. Historisches Bewusstsein ist eine Weise der Selbsterkenntnis. >Leben/Dilthey.


1. Ges. Schr. Vll V, 265
2. Ges. Schr. Vll VII, 136
3. Ges. Schriften V, 339ff u. Vlll.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Historismus Gadamer I 202
Historismus/Historische Schule/Dilthey/Gadamer: Mit [der] Übertragung der Hermeneutik auf die Historik ist Dilthey (...) nur der Interpret der historischen Schule. Er formuliert das, was Ranke und Droysen selber im Grunde denken. So war also die romantische Hermeneutik und ihr Hintergrund, die pantheistische Metaphysik der Individualität, für die theoretische Besinnung der Geschichtsforschung des 19. Jahrhunderts bestimmend. Gadamer: Das ist für das Schicksal der Geisteswissenschaften und die Weltansicht der historischen Schule verhängnisvoll geworden. Vgl. >Geschichte/Hegel, >Geschichtsschreibung/Dilthey.
Der Widerstand gegen die Philosophie der Weltgeschichte trieb [die Historische Schule] so in das Fahrwasser der Philologie. Es war ihr Stolz, dass sie den Zusammenhang
Gadamer I 203
der Weltgeschichte nicht teleologisch, nicht im Stile der vorromantischen oder nachromantischen Aufklärung von einem Endzustande her dachte, der gleichsam das Ende der Geschichte, ein jüngster Tag der Weltgeschichte wäre. Vielmehr gibt es für sie kein Ende und Außerhalb der Geschichte. Das Verständnis des gesamten Verlaufs der Universalgeschichte kann daher nur aus der geschichtlichen Überlieferung selbst gewonnen werden. Eben das aber ist der Anspruch der philologischen Hermeneutik, dass der Sinn eines Textes aus ihm selbst verstanden werden kann. Die Grundlage der Historik ist also die Hermeneutik. GadamerVsDilthey: So weit vermag die hermeneutische Grundlage zu tragen. Aber weder kann diese Abgehobenheit des Gegenstandes von seinem Interpreten, noch auch die inhaltliche Abgeschlossenheit eines Sinnganzen die eigentlichste Aufgabe des Historikers, die Universalgeschichte, mittragen. Denn die Geschichte ist nicht nur nicht am Ende - wir stehen als die Verstehenden selbst in ihr, als ein bedingtes und endliches Glied einer fortrollenden Kette.
GadamerVsHistorismusd/GadamerVsHistorische Schule: Auch die „historische Schule« wusste,
dass es im Grunde keine andere Geschichte als Universalgeschichte geben kann, weil sich nur vom Ganzen aus das Einzelne in seiner Einzelbedeutung bestimmt. Wie soll der empirische Forscher, dem niemals das Ganze gegeben sein kann, sich da helfen, ohne sein Recht an den Philosophen und seine aprioristische Willkür zu verlieren? Vgl. >Geschichte/Hegel.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Historismus Heidegger Gadamer I 264
Historismus/Heidegger/Gadamer: Verstehen (...) ist die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In.der-Weltsein (...). Indem Heidegger die Seinsfrage neu erweckte und damit die bisherige Metaphysik im ganzen - und nicht nur ihre Zuspitzung im Cartesianismus der neuzeitlichen Wissenschaft und der Transzendentalphilosophie - überstieg, gewann er gegenüber den Aporien des Historismus eine grundsätzlich neue Stellung. HeideggerVsDroysen/HeideggerVsDilthey: Der Begriff des Verstehens ist nicht mehr ein Methodenbegriff, wie bei Droysen. Verstehen ist auch nicht, wie in Diltheys Versuch einer hermeneutischen Grundlegung der Geisteswissenschaften, eine dem Zug des Lebens zur Idealität erst nachfolgende inverse Operation. Verstehen ist der ursprüngliche Seinscharakter des menschlichen Lebens selber. >Verstehen/Heidegger, >Erkennen/Heidegger.

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Kennen Nietzsche Pfotenhauer IV 59
Kennen/Ich/Nietzsche: /F. Nietzsche Vorrede zur Genealogie der Moral, 1; KGW VI,2, S. 259): „Wir sind uns unbekannt, wir Erkennendn, wir serlbst uns selbst (…) Was das Leben (…) die sogenannten ‚Erlebnisse‘ angeht, - wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? NietzscheVsDilthey: (F. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, V, 355; KGW V, 2, S. 276): „Auch die Vorsichtigsten (…) meinen, zum Mindesten sei das Bekannte leichter erkennbar als das Fremde, es sei zum Beispiel methodisch geboten, von der ‚inneren Welt‘ (…) auszugehen, weil sie die uns bekanntere Welt Sei! Irrtum der Irrtümer! Das Bekannte ist das Gewohnte; und das Gewohnte ist am schwersten ‚erkennen‘, das heißt, als Problem zu sehen, das heißt als fremd als fern, als ‚außer uns‘ zu sehn…“
(Apropos W. Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften, vgl. J. Kamerbeek, Dilthey versus Nietzsche in Studia ophilosophica, Jahrbuch der schweizerischen Philosophischen Gesellschaft 10 (1950), S. 57ff.)

Nie I
Friedrich Nietzsche
Sämtliche Werke: Kritische Studienausgabe Berlin 2009

Nie V
F. Nietzsche
Beyond Good and Evil 2014

Pfot I
Helmut Pfotenhauer
Die Kunst als Physiologie. Nietzsches ästhetische Theorie und literarische Produktion. Stuttgart 1985
Methode Dilthey Gadamer I 13
Methode/Dilthey/Gadamer: Dilthey [beruft sich] auf die Selbständigkeit der geisteswissenschaftlichen Methoden und [begründet] diese durch die Rücksicht auf ihr Objekt(1). Gadamer: Solche Berufung klingt zunächst gut aristotelisch und könnte eine echte Ablösung von dem naturwissenschaftlichen Vorbild bezeugen. Nun aber bezieht sich Dilthey für diese Selbständigkeit der geisteswissenschaftlichen Methoden dennoch auf das alte Baconsche „Natura parendo vincitur“(2) - ein Grundsatz, der dem klassisch-romantischen Erbe, das Dilthey verwalten möchte, geradezu ins Gesicht schlägt. GadamerVsDilthey: So muss man sagen, dass selbst Dilthey, dessen historische Bildung seine Überlegenheit gegenüber dem zeitgenössischen Neukantianismus ausmacht, in seinen logischen Bemühungen im Grunde nicht weit über die schlichten Feststellungen hinausgekommen ist, die Helmholtz machte. Mag Dilthey noch so sehr die erkenntnistheoretische Selbständigkeit der Geisteswissenschaften verfochten haben - was man in der modernen Wissenschaft Methode nennt, ist überall ein und dasselbe und prägt sich in den Naturwissenschaften nur besonders vorbildlich aus.
Methode/GadamerVsDilthey: Es gibt keine eigene Methode der Geisteswissenschaften. Wohl aber kann man mit Helmholtz fragen, wie viel Methode hier bedeutet, und ob die anderen Bedingungen, unter denen die Geisteswissenschaften stehen, für ihre Arbeitsweise nicht vielleicht viel wichtiger sind als die induktive Logik.


1. W. Dilthey, Gesammelte Schriften Bd. I. S. 4
2. Ebenda, S. 20

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Objektiver Geist Popper Habermas III 116
Objektiver Geist/Popper/Habermas: Popper setzt sich mit der empiristischen Grundauffassung auseinander, nach der das Subjekt unvermittelt der Welt gegenübersteht, über Sinneswahrnehmungen seine Eindrücke aus ihr empfängt oder durch Handlungen auf Zustände in ihr einwirkt. Dieser Problemkontext erklärt, warum Popper seine Lehre vom objektiven Geist als eine Erweiterung des empiristischen Konzepts versteht und den objektiven ebenso wie die subjektiven Geist als „Welten“ d.h. als spezielle Gesamtheiten von Entitäten einführt. (Welt 1: physikalische Gegenstände, Welt 2: Bewusstseinszustände, Welt 3: objektive Gedankeninhalte) Die älteren Theorien des objektiven Geists, die von Dilthey bis Theodor Litt und Hans Freyer in der historistischen und der neuhegelschen Tradition entwickelt worden sind, gehen vom Primat eines tätigen Geistes aus, der sich in den von ihm konstituierten Welten auslegt.
PopperVsLitt/PopperVsDilthey/PopperVsFreyer/Habermas: Popper hält demgegenüber am Primat der Welt gegenüber dem Geist fest und begreift die zweite und die dritte Welt in Analogie zur ersten Welt ontologisch. In dieser Hinsicht erinnert seine Konstruktion der dritten Welt eher an Nicolai Hartmanns Theorie des geistigen Seins. (1) (PopperVsEmpirismus).
Welt 3/Popper/Habermas: die Produkte des menschlichen Geistes kehren sich unverzüglich als Probleme gegen ihn: „Diese Probleme sind offensichtlich selbständig. Sie werden in keiner Weise von uns geschaffen; vielmehr entdecken wir sie und in diesem Sinne existieren sie schon vor ihrer Entdeckung, darüber hinaus sind mindestens einige dieser Probleme möglicherweise unlösbar.“ (2)


1.N. Hartmann, Das Problem des geistigen Seins, Berlin 1932.
2.K. R. Popper, J. C. Eccles The Self and its Brain, Berlin 1977 p. 41ff.


Po I
Karl Popper
Grundprobleme der Erkenntnislogik. Zum Problem der Methodenlehre
In
Wahrheitstheorien, Gunnar Skirbekk Frankfurt/M. 1977

Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981
Schleiermacher Ricoeur II 22
Schleiermacher/Dilthey/Hermeneutik/Verständnis/Ricoeur: [In der romantischen Tradition der Hermeneutik ist es zu einer] Verwendung und einem Missbrauch des Begriffs des Sprachereignisses gekommen. Die Hermeneutik, wie sie von Schleiermacher und Dilthey ausgeht, neigte dazu, die Interpretation mit der Kategorie des "Verstehens" zu identifizieren und Verstehen als die Anerkennung der Absicht eines Autors aus der Sicht der primitiven Adressaten in der ursprünglichen Diskurssituation zu definieren. Seine Priorität, die der Absicht des Autors und dem ursprünglichen Publikum eingeräumt wurde, tendierte wiederum dazu, den Dialog zum Modell jeder Situation des Verstehens zu machen und damit den Rahmen der Inter-Subjektivität auf die Hermeneutik. Das Verstehen eines Textes ist also nur ein Sonderfall der dialogischen Situation, in der jemand auf einen anderen antwortet.
Ricoeur: Diese psychologisierende Konzeption der Hermeneutik hat einen großen Einfluss auf die christliche Theologie gehabt. Sie nährte die Theologien des Wort-Ereignisses, für die das Ereignis schlechthin ein Sprechereignis ist. Und dieses Sprechereignis ist das Kerygma, die Verkündigung des Evangeliums. Die Bedeutung des ursprünglichen Ereignisses bezeugt sich in dem gegenwärtigen Ereignis, mit dem wir es auf uns selbst im Akt des Glaubens anwenden.
II 23
RicoeurVsSchleiermacher/RicoeurVsDilthey: Ich versuche hier, die Annahmen dieser Hermeneutik aus der Sicht einer Diskursphilosophie in Frage zu stellen, um die Hermeneutik von ihren psychologisierenden und existentiellen Vorurteilen zu befreien. Die Annahmen einer psychologisierenden Hermeneutik - wie die ihrer konträren Hermeneutik -
stammen aus einem doppelten Missverständnis der Dialektik von Ereignis und Bedeutung im Diskurs und der Dialektik von Sinn und Bezug in der Bedeutung selbst. Dieses doppelte Missverständnis führt wiederum dazu, der Interpretation eine fehlerhafte Aufgabe zuzuweisen, eine Aufgabe, die in dem berühmten Slogan, "einen Autor besser zu verstehen, als er sich selbst verstanden hat" gipfelt. ((s) Vgl. >Bedeutungswandel/philosophische Theorien, insbesondere >Bedeutungswandel/Rorty.)
Ricoeur: Es geht in dieser Diskussion also um die richtige Definition der hermeneutischen Aufgabe. >Hermeneutik/Ricoeur, >Sprechen/Ricoeur, >Schrift/Ricoeur.

Ricoeur I
Paul Ricoeur
Die Interpretation. Ein Versuch über Freud Frankfurt/M. 1999

Ricoeur II
Paul Ricoeur
Interpretation theory: discourse and the surplus of meaning Fort Worth 1976
Sympathie Dilthey Gadamer I 236
Sympathie/Verstehen/Dilthey/Gadamer: Für Dilthey bedeutete das Bewusstsein der Endlichkeit keine Verendlichung des Bewusstseins und keine Beschränkung. Es bezeugt vielmehr die Fähigkeit des Lebens, sich in Energie und Tätigkeit über alle Schranken zu erheben. Dilthey schließt sich dafür an die alte Lehre an, die die Möglichkeit des Verstehens aus der Gleichartigkeit der Menschennatur herleitet. Die Schranken, die der Universalität des Verstehens durch die geschichtliche Endlichkeit unseres Wesens gesetzt sind, sind ihm also nur subjektiver Natur. Gewiss, er kann in ihnen trotzdem etwas Positives erkennen, das für die Erkenntnis fruchtbar werde; so versichert er, dass erst die Sympathie wirkliches Verstehen möglich mache.(1) GadamerVsDilthey: Aber es fragt sich, ob dem eine grundsätzliche Bedeutung zukommt. Zunächst sei eines festgestellt: er sieht Sympathie allein als eine Erkenntnisbedingung.
Sympathie/Droysen: Man kann mit Droysen fragen, ob Sympathie (die ja eine Form der Liebe ist) nicht etwas ganz
Gadamer I 237
anderes darstellt als eine affektive Bedingung für Erkenntnis. Sie gehört doch zu den Beziehungsformen von Ich und Du. Gewiss ist in solch realer sittlicher Beziehung auch Erkenntnis wirksam, und insofern zeigt sich in der Tat, daß Liebe sehend macht.(2) Aber Sympathie ist doch sehr viel mehr als nur eine Erkenntnisbedingung. Durch sie wird das Du zugleich verwandelt. Bei Droysen steht der tiefe Satz: »So musst du sein, denn so liebe ich dich: das
Geheimnis aller Erziehung.«(3)
Wenn Dilthey das Verhältnis von Thukydides zu Perikles oder Rankes zu Luther nennt, so meint er damit ein kongeniales intuitives Verbundensein, das dem Historiker ein sonst nur mühsam erreichbares Verständnis spontan ermöglicht. Grundsätzlich hält er aber solches Verständnis, das in Ausnahmefällen auf geniale Weise gelingt, durch die Methodik der Wissenschaft immer für erreichbar. Dass sich die Geisteswissenschaften der vergleichenden Methoden bedienen, begründet er ausdrücklich mit ihrer Aufgabe, die zufälligen Schranken, die der eigene Erfahrungskreis darstellt, zu überwinden »und zu Wahrheiten von größerer Allgemeinheit aufzusteigen«(4).
GadamerVsDilthey: Siehe >Vergleiche/Dilthey.


1. Dilthey, Ges. Schriften V, 277
2.Vgl. vor allem die betr. Aufweisungen bei Max Scheler, Zur Phänomenologie und
Theorie der Sympathiegefühle und von Liebe und Haß, 1913.
3. J.G. Droysen, Grundriss der Historik, 1868 § 41
4. Dilthey, Ges. Schriften VII, 99.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
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Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Sympathie Droysen Gadamer I 237
Sympathie/Droysen/Gadamer: Für Dilthey bedeutete das Bewusstsein der Endlichkeit keine Verendlichung des Bewusstseins und keine Beschränkung. [Dilthey] (...) versichert (...), dass erst die Sympathie wirkliches Verstehen möglich mache.(1) GadamerVsDilthey: Aber es fragt sich, ob dem eine grundsätzliche Bedeutung zukommt. Zunächst sei eines festgestellt: er sieht Sympathie allein als eine Erkenntnisbedingung.
Sympathie/Droysen: Man kann mit Droysen fragen, ob Sympathie (die ja eine Form der Liebe ist) nicht etwas ganz
Gadamer I 237
anderes darstellt als eine affektive Bedingung für Erkenntnis. Sie gehört doch zu den Beziehungsformen von Ich und Du. Gewiss ist in solch realer sittlicher Beziehung auch Erkenntnis wirksam, und insofern zeigt sich in der Tat, daß Liebe sehend macht.(2) DroysenVsDilthey: Aber Sympathie ist doch sehr viel mehr als nur eine Erkenntnisbedingung. Durch sie wird das Du zugleich verwandelt. Bei Droysen steht der tiefe Satz: »So musst du sein, denn so liebe ich dich: das Geheimnis aller Erziehung.«(3) >Sympathie/Dilthey.


1. Dilthey, Ges. Schriften V, 277
2.Vgl. vor allem die betr. Aufweisungen bei Max Scheler, Zur Phänomenologie und
Theorie der Sympathiegefühle und von Liebe und Hass, 1913.
3. J.G. Droysen, Grundriss der Historik, 1868 § 41

Droys I
J. G. Droysen
Grundriss der Historik Paderborn 2011

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Texte Dilthey Gadamer I 245
Text/Hermeneutik/Geschichte/Dilthey/Gadamer: Während Schleiermachers Hermeneutik auf einer künstlichen methodischen Abstraktion beruht, die ein universales Werkzeug des Geistes herzustellen strebte, aber mit Hilfe dieses Werkzeuges die Heilskraft des christlichen Glaubens zur Sprache bringen wollte, war für Diltheys Grundlegung der Geisteswissenschaften die Hermeneutik mehr als ein Mittel. Sie ist das universale Medium des geschichtlichen Bewusstseins, für das es keine andere Wahrheitserkenntnis mehr gibt als die, Ausdruck und im Ausdruck Leben zu verstehen. Alles in der Geschichte ist verständlich. Denn alles ist Text. »Wie die Buchstaben eines Wortes haben Leben und Geschichte einen Sinn«.(1) So wird von Dilthey am Ende die Erforschung der geschichtlichen Vergangenheit als Entzifferung und nicht als geschichtliche Erfahrung gedacht.
GadamerVsDilthey: Es ist unbezweifelbar, dass damit dem Ziele der historischen Schule nicht Genüge geschah. Die romantische Hermeneutik und die philologische Methode, auf der sie sich erhebt, reichen als Basis der Historie nicht aus;
Gadamer I 246
ebenso wenig genügt Diltheys den Naturwissenschaften entlehnter Begriff des induktiven Verfahrens. Geschichtliche Erfahrung, wie er sie im Grunde meint, ist nicht ein Verfahren und hat nicht die Anonymität einer Methode. Gadamer: [Dilthey kam] die romantische Hermeneutik insofern entgegen, als sie (...) das geschichtliche Wesen der Erfahrung selber gar nicht beachtete. Sie setzte voraus, dass der
Gegenstand des Verstehens der zu entziffernde und in seinem Sinne zu erfassende Text ist. So ist jede Begegnung mit einem Text für sie eine Selbstbegegnung des Geistes. Jeder Text ist fremd genug, daß er eine Aufgebe stellt, und doch vertraut genug, dass ihre grundsätzliche Lösbarkeit auch dann feststeht, wenn man nichts anderes von einem Text weiß, als dass er Text, Schrift, Geist ist.


1. Dilthey, Ges. Schriften VII, 291

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
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Universalgeschichte Dilthey Gadamer I 203
Universalgeschichte/Dilthey/Gadamer: Das Ideal der Universalgeschichte [muss (...)] für die historische Weltansicht eine besondere Problematik gewinnen, sofern das Buch der Geschichte für jede Gegenwart ein im Dunkel abbrechendes Fragment ist. Es fehlt dem universalen Zusammenhang der Geschichte die Abgeschlossenheit, die für die Philologen ein Text besitzt und die für den Historiker etwa eine Lebensgeschichte, aber auch die Geschichte einer vergangenen, vom Schauplatz der Weltgeschichte abgetretenen Nation, ja selbst die Geschichte einer Epoche, die abgeschlossen ist und hinter uns liegt, zu einem fertigen Sinnganzen, einem in sich verstehbaren Text zu machen scheint. (...) auch Dilthey [hat] von solchen relativen Einheiten aus gedacht (...), und damit ganz auf der Grundlage der romantischen Hermeneutik weiter [ge]baut. Was es da wie dort zu verstehen gibt, ist ein Ganzes von Sinn, das sich da wie dort in der gleichen Abgehobenheit von dem Verstehenden selbst findet. Immer ist es eine fremde Individualität, die nach ihr eigenen Begriffen, Wertmaßstäben usw. beurteilt werden muss und die dennoch verstanden werden kann, weil Ich und Du des gleichen Lebens sind.
GadamerVsDilthey: So weit vermag die hermeneutische Grundlage zu tragen. Aber weder kann diese Abgehobenheit des Gegenstandes von seinem Interpreten, noch auch die inhaltliche Abgeschlossenheit eines Sinnganzen die eigentlichste Aufgabe des Historikers, die Universalgeschichte, mittragen. Denn die Geschichte ist nicht nur nicht am Ende - wir stehen als die Verstehenden selbst in ihr, als ein bedingtes und endliches Glied einer fortrollenden Kette.

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Universalgeschichte Historismus Gadamer I 215
Universalgeschichte/Historismus/Gadamer: Universalgeschichte, Weltgeschichte - das sind in Wahrheit nicht Inbegriffe formaler Art, in denen das Ganze des Geschehens gemeint ist. Im geschichtlichen Denken ist das Universum als die göttliche Schöpfung zum Bewusstsein ihrer selbst erhoben. Freilich ist das nicht ein begreifendes Bewusstsein. Das letzte Resultat der historischen Wissenschaft ist »Mitgefühl, Mitwisserschaft des Alls«(1). Auf diesem pantheistischen Hintergrund versteht sich Rankes berühmte Wendung, wonach er sich selbst auslöschen möchte.
DiltheyVsRanke: Natürlich ist solche Selbstauslöschung in Wahrheit, wie Dilthey(2) dagegen eingewandt hat, die Ausweitung des Selbst zu einem inneren Universum. Aber es ist doch nicht zufällig, daß Ranke eine solche Reflexion, die Dilthey auf seine psychologische Grundlage der Geisteswissenschaften führt, nicht vollzieht.
RankeVsDilthey: Für Ranke ist Selbstauslöschung noch eine Form wirklicher Teilhabe. Man darf den Begriff der Teilhabe nicht psychologisch-subjektiv verstehen, sondern muss ihn von dem Begriff des Lebens her denken, der zugrunde liegt. Weil alle geschichtlichen Erscheinungen Manifestationen des All-Lebens sind, ist die Teilhabe an ihnen Teilhabe am Leben.


1. Ranke (ed. Rothacker). S. 52.
2. Dilthey, Ges. Schriften V, 281.

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Vergleiche Dilthey Gadamer I 237
Vergleiche/Verstehen/Dilthey: Dass sich die Geisteswissenschaften der vergleichenden Methoden bedienen, begründet er ausdrücklich mit ihrer Aufgabe, die zufälligen Schranken, die der eigene Erfahrungskreis darstellt, zu überwinden »und zu Wahrheiten von größerer Allgemeinheit aufzusteigen«(1).
GadamerVsDilthey: Das Wesen des
Gadamer I 238
Vergleichens setzt die Ungebundenheit der erkennenden Subjektivität, die über das eine wie über das andere verfügt, bereits voraus. Es macht auf eine erklärte Weise gleichzeitig. Vwrgleich/Gadamer: Man muss deshalb bezweifeln, ob die Methode des Vergleichens der Idee der historischen Erkenntnis wirklich genügt. Wird hier nicht ein Verfahren, das in bestimmten Bereichen der Naturwissenschaft zu Hause ist und auf manchen Gebieten der Geisteswissenschaften, z. B. Sprachforschung, der Rechtswissenschaft, der Kunstwissenschaft usw., Triumphe feiert(2) aus einem untergeordneten Hilfsmittel zu zentraler Bedeutung für das Wesen historischer Erkenntnis emporgesteigert, die oft nur oberflächlicher und unverbindlicher Reflexion eine falsche Legitimierung verschafft?
Vergleiche/Paul Yorck von Wartenburg/Gadamer: Man kann hier dem Grafen Yorck nur recht geben, wenn er schreibt: »Vergleichung ist immer ästhetisch, haftet immer an der Gestalt«(3) und man erinnert sich, dass vor ihm in genialer Weise Hegel an der Methode des Vergleichens Kritik geübt hat.(4)


1. Dilthey, Ges. Schriften VII, 99.
2. Ein beredter Anwalt dieser ist E. Rothacker, dessen eigene Beiträge zur Sache freilich das Umgekehrte vorteilhaft bezeugen: die Unmethode geistreicher Einfälle und kühner Synthesen.
3. Paul Graf Yorck von Wartenburg, Briefwechsel, 1923, S. 193.
4. Wissenschaft der Logik Il, ed. Lasson 1934, S. 36f.

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Vergleiche Gadamer I 237
Vergleiche/Verstehen/Dilthey: Dass sich die Geisteswissenschaften der vergleichenden Methoden bedienen, begründet er ausdrücklich mit ihrer Aufgabe, die zufälligen Schranken, die der eigene Erfahrungskreis darstellt, zu überwinden »und zu Wahrheiten von größerer Allgemeinheit aufzusteigen«(1).
GadamerVsDilthey: Das Wesen des
I 238
Vergleichens setzt die Ungebundenheit der erkennenden Subjektivität, die über das eine wie über das andere verfügt, bereits voraus. Es macht auf eine erklärte Weise gleichzeitig. Vwrgleich/Gadamer: Man muss deshalb bezweifeln, ob die Methode des Vergleichens der Idee der historischen Erkenntnis wirklich genügt. Wird hier nicht ein Verfahren, das in bestimmten Bereichen der Naturwissenschaft zu Hause ist und auf manchen Gebieten der Geisteswissenschaften, z. B. Sprachforschung, der Rechtswissenschaft, der Kunstwissenschaft usw., Triumphe feiert(2) aus einem untergeordneten Hilfsmittel zu zentraler Bedeutung für das Wesen historischer Erkenntnis emporgesteigert, die oft nur oberflächlicher und unverbindlicher Reflexion eine falsche Legitimierung verschafft?
Vergleiche/Paul Yorck von Wartenburg/Gadamer: Man kann hier dem Grafen Yorck nur recht geben, wenn er schreibt: »Vergleichung ist immer ästhetisch, haftet immer an der Gestalt«(3) und man erinnert sich, dass vor ihm in genialer Weise Hegel an der Methode des Vergleichens Kritik geübt hat.(4)
I 401
Vergleiche/Gadamer: [Sprachliche Auslegung] (...) liegt (...) auch dort vor, wo das Auslegen gar nicht sprachlicher Natur, also gar kein Text ist, sondern etwa ein Bildwerk oder ein Tonwerk. Man kann etwa durch das Mittel des Kontrasts etwas demonstrieren, z. B. indem man zwei Bilder nebeneinanderstellt oder zwei Gedichte nebeneinander liest, so dass das eine durch das andere ausgelegt wird. In solchen Fällen kommt gleichsam das zeigende Demonstrieren der sprachlichen
Auslegung zuvor.
In Wahrheit heißt das aber, dass solche Demonstration eine Modifikation sprachlicher Auslegung ist. Im Gezeigten liegt alsdann der Widerschein der Auslegung, die sich des Zeigens als einer anschaulichen Abbreviatur bedient. Das Zeigen ist dann im selben Sinne Auslegung, wie etwa eine Übersetzung das Resultat einer Auslegung zusammenfasst.



1. Dilthey, Ges. Schriften VII, 99.
2. Ein beredter Anwalt dieser ist E. Rothacker, dessen eigene Beiträge zur Sache freilich das Umgekehrte vorteilhaft bezeugen: die Unmethode geistreicher Einfälle und kühner Synthesen.
3. Paul Graf Yorck von Wartenburg, Briefwechsel, 1923, S. 193.
4. Wissenschaft der Logik Il, ed. Lasson 1934, S. 36f.

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Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

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Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Verstehen Heidegger Gadamer I 264
Verstehen/Heidegger/Gadamer: Verstehen (...) ist die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In.der-Weltsein (...). Vor aller Differenzierung des Verstehens in die verschiedenen Richtungen des pragmatischen oder theoretischen Interesses ist Verstehen die Seinsart des Da-seins, sofern es Seinkönnen und “Möglichkeit“ ist. HeideggerVsDroysen/HeideggerVsDilthey: Der Begriff des Verstehens ist nicht mehr ein Methodenbegriff, wie bei Droysen. Verstehen ist auch nicht, wie in Diltheys Versuch einer hermeneutischen Grundlegung der Geisteswissenschaften, eine dem Zug des Lebens zur Idealität erst nachfolgende inverse Operation. Verstehen ist der ursprüngliche Seinscharakter des menschlichen Lebens selber. (...) [Aufgabe des Verstehens]: durch eine „transzendentale Analytik des Daseins“ diese Struktur des Daseins aufzuklären. >Erkennen/Heidegger.


Figal I 69
Verstehen/Heidegger/Figal: wir verstehen uns selbst in den verschiedenen Zusammenhängen des Alltags. Selbstverständlichkeit. (>Zeug).
Figal I 85
Verstehen: unmittelbares Vernehmen der Möglichkeiten (zukünftiger Charakter).

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

Figal I
Günter Figal
Martin Heidegger zur Einführung Hamburg 2016
Verstehen Ranke Gadamer I 215
Verstehen/Ranke/Historismus/Gadamer: Ranke, These: Das letzte Resultat der historischen Wissenschaft ist »Mitgefühl, Mitwisserschaft des Alls«(1). Auf diesem pantheistischen Hintergrund versteht sich Rankes berühmte Wendung, wonach er sich selbst auslöschen möchte.
DiltheyVsRanke: Natürlich ist solche Selbstauslöschung in Wahrheit, wie Dilthey(2) dagegen eingewandt hat, die Ausweitung des Selbst zu einem inneren Universum
RankeVsDilthey: Für Ranke ist Selbstauslöschung noch eine Form wirklicher Teilhabe. Man darf den Begriff der Teilhabe nicht psychologisch-subjektiv verstehen, sondern muss ihn von dem Begriff des Lebens her denken, der zugrunde liegt. Weil alle geschichtlichen Erscheinungen Manifestationen des All-Lebens sind, ist die Teilhabe an ihnen Teilhabe am Leben.
Gadamer: Von da gewinnt der Ausdruck des Verstehens seinen fast religiösen Klang. Das Verstehen ist unmittelbare Teilhabe am Leben, ohne die gedankliche Vermittlung durch den Begriff. Darauf gerade kommt es dem Historiker an, nicht Wirklichkeit auf Begriffe zu beziehen, sondern überall an den Punkt zu gelangen, wo »Leben denkt und Gedanke lebt«. Die Erscheinungen des geschichtlichen Lebens werden im Verstehen als die Manifestationen des All-Lebens, der Gottheit, erfasst. Solche verstehende Durchdringung derselben bedeutet in der Tat mehr als eine menschliche Erkenntnisleistung eines inneren Universums, wie Dilthey das Ideal des Historikers gegen Ranke umformulierte. Es ist eine metaphysische Aussage, die Ranke in die größte Nähe zu Fichte und Hegel rückt, wenn er sagt: »Die klare, volle, gelebte Einsicht, das ist das Mark des Seyns durchsichtig geworden und sich selbst durchschauend«(3). In einer solchen Wendung ist ganz unüberhörbar, wie nahe Ranke im Grunde dem deutschen Idealismus bleibt. Die volle Selbstdurchsichtigkeit des Seins, die Hegel im absoluten Wissen der Philosophie dachte, legitimiert auch noch Rankes Selbstbewusstsein als Historiker, so sehr er auch den Anspruch der spekulativen Philosophie zurückweist.
Gadamer I 216
Gadamer: Die reine Hingegebenheit an die Anschauung der Dinge, die epische Haltung dessen, der die Mär der Weltgeschichte sucht(4) darf in der Tat dichterisch heißen, sofern für den Historiker Gott nicht in der Gestalt des Begriffs, sondern in der Gestalt der „äußeren Vorstellung“ in allem gegenwärtig ist. Man kann Rankes Selbstverständnis in der Tat nicht besser als durch diese Begriffe Hegels umschreiben. Der Historiker, wie ihn Ranke versteht, gehört der Gestalt des absoluten Geistes zu, die Hegel als die der Kunstreligion beschrieben hat. DroysenVsRanke/Gadamer: Für einen schärfer denkenden Historiker musste die Problematik solcher Selbstauffassung sichtbar werden. Die philosophische Bedeutung von Droysens Historik liegt eben darin, dass er den Begriff des Verstehens aus der Unbestimmtheit ästhetisch-pantheistischer Kommunion, die er bei Ranke hat, zu lösen sucht und seine begrifflichen Voraussetzungen formuliert. Die erste dieser Voraussetzungen ist der Begriff des Ausdrucks(5). Verstehen ist Verstehen von Ausdruck.


1. Ranke (ed. Rothacker). S. 52.
2. Dilthey, Ges. Schriften V, 281.
3. Lutherfragment 13.
4. Ebenda S. 1
5. Vgl. auch unten S. 341 f. , 471 f. und Bd. 2 der Ges. Werke, Exkurs VI, S. 384ff.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Wissenschaft Heidegger Gadamer I 263
Wissenschaft/Objektivität/Heidegger/Gadamer: Diltheys Bestreben, die Geisteswissenschaften aus dem Leben verständlich zu machen und von der Lebenserfahrung den Ausgang zu nehmen, war (...) mit dem cartesianischen Wissenschaftsbegriff, an dem er festhielt, nie zu wirklichem Ausgleich gelangt. Heidegger konnte demgegenüber insofern schon ganz anders beginnen, als (...) bereits Husserl den Rückgang auf das Leben zu einem schlechterdings universalen Arbeitsthema gemacht und damit die Einengung auf die Frage der Methoden der Geisteswissenschaften hinter sich gelassen hatte. Seine Analyse der Lebenswelt und der anonymen Sinnstiftung, die den Boden aller Erfahrung bildet, gab der Frage nach der Objektivität in den Geisteswissenschaften einen ganz neuen Hintergrund.
Objektivität/Husserl: [Husserls Analyse] ließ den Objektivitätsbegriff der Wissenschaft als einen Sonderfall erscheinen. (>Objektivität/Husserl). Die Wissenschaft ist alles andere als ein Faktum, von dem auszugehen wäre. Die Konstitution der wissenschaftlichen Welt stellt vielmehr eine
eigene Aufgabe dar, die Aufgabe nämlich, die Idealisierung, die mit der Wissenschaft gegeben ist, aufzuklären. Aber diese Aufgabe ist nicht die erste. Im Rückzug auf das „leistende Leben“ (>Leben/Husserl) erweist sich der Gegensatz von Natur und Geist als nicht letztgültig. Sowohl die Geisteswissenschaften als auch die Naturwissenschaften sind aus den Leistungen der Intentionalität des universalen Lebens, also aus einer absoluten Historizität, abzuleiten. Das ist
das Verstehen, in dem sich die Selbstbesinnung der Philosophie allein Genüge tut.
Zeitlichkeit des Verstehens/Heidegger/Gadamer: (...) die Erkenntnisweise der Naturwissenschaften [wird] als eine Abart von Verstehen sichtbar, »die sich in die rechtmäßige Aufgabe einer Erfassung des Vorhandenen in seiner wesenhaften
Gadamer I 264
Unverständlichkeit verlaufen hat.“(1) Verstehen/HeideggerVsDilthey/HeideggerVsHusserl: Verstehen (...) ist die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In-der-Weltsein (...). >Hermeneutik/Heidegger.
Gadamer I 459
Wissenschaft/Heidegger/Gadamer: Heidegger hat (...) in „Sein und Zeit“ wie mir scheint, den Gesichtspunkt gewonnen, unter dem sich sowohl der Unterschied wie auch das Verbindende zwischen griechischer und moderner Wissenschaft denken lässt. Als er den Begriff der Vorhanden- heit als einen defizienten Modus von Sein aufwies und als den Hintergrund der klassischen Metaphysik und ihrer Fortwirkung im Subjektivitätsbegriff der Neuzeit erkannte, war er einem ontologisch richtigen Zusammenhang zwischen der griechischen Theoria und der modernen Wissenschaft gefolgt.
Im Horizont seiner temporalen Interpretation des Seins ist die klassische Metaphysik als Ganze eine Ontologie des Vorhandenen und die moderne Wissenschaft, ohne es zu ahnen, ihr Erbe. In der griechischen Theoria selbst lag aber gewiss etwas anderes noch. Theoria erfasst nicht so sehr Vorhandenes, als vielmehr die Sache selbst, die noch die Würde des „Dinges“ hat. Dass die Erfahrung des Dinges mit der bloßen Feststellbarkeit des puren Vorhandenseins so wenig zu tun hat wie mit der Erfahrung der sogenannten
I 460
Erfahrungswissenschaften, hat gerade der spätere Heidegger selber betont.(2) Gadamer: So werden wir wie die Würde des Dings auch die Sachlichkeit der Sprache von dem Präjudiz gegen die Ontologie des Vorhandenen und in eins damit von dem Begriff der Objektivität freihalten müssen.


1. Heidegger, Sein und Zeit S. 153.
1. Vgl. über „das Ding“ Vorträge und Aufsätze, S. 164f. Hier wird die summarische Zusammenschau der „Theoria“ mit der „Wissenschaft vom Vorhandenen“ die „Sein und Zeit“ vorgenommen hatte, unter der Fragestellung des späteren Heidegger aufgelöst (vgl. auch ebenda S. 51 f.). (Vgl. auch mein Nachwort zu M. Heideggers Kunstwerk-Aufsatz, Stuttgart 1960 (Reclam), S. 102—125,jetzt in „Heideggers Wege. Studien zum “Spätwerk“, Tübingen 1983, S. 81-92; Bd. 3 der Ges. Werke.)


Rorty II 65
Wissenschaft/Heidegger/Derrida: harte Wissenschaften sind Handlanger des technischen Fortschritts, keine Ausblicke auf die unverhüllte Realität. Kierkegaard/NietzscheVsPlaton, NietzscheVsAristoteles: Streben nach objektiver Wahrheit ist nicht die lohnendste und menschlichste Tätigkeit.

Figal I 107f
Wissenschaft/Heidegger: »sie gibt ein Bild« für das Handeln. In der Orientierung am Bild liegt noch »Befangenheit«.

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

Rorty I
Richard Rorty
Der Spiegel der Natur Frankfurt 1997

Rorty II
Richard Rorty
Philosophie & die Zukunft Frankfurt 2000

Rorty II (b)
Richard Rorty
"Habermas, Derrida and the Functions of Philosophy", in: R. Rorty, Truth and Progress. Philosophical Papers III, Cambridge/MA 1998
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (c)
Richard Rorty
Analytic and Conversational Philosophy Conference fee "Philosophy and the other hgumanities", Stanford Humanities Center 1998
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (d)
Richard Rorty
Justice as a Larger Loyalty, in: Ronald Bontekoe/Marietta Stepanians (eds.) Justice and Democracy. Cross-cultural Perspectives, University of Hawaii 1997
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (e)
Richard Rorty
Spinoza, Pragmatismus und die Liebe zur Weisheit, Revised Spinoza Lecture April 1997, University of Amsterdam
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (f)
Richard Rorty
"Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache", keynote lecture for Gadamer’ s 100th birthday, University of Heidelberg
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (g)
Richard Rorty
"Wild Orchids and Trotzky", in: Wild Orchids and Trotzky: Messages form American Universities ed. Mark Edmundson, New York 1993
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty III
Richard Rorty
Kontingenz, Ironie und Solidarität Frankfurt 1992

Rorty IV (a)
Richard Rorty
"is Philosophy a Natural Kind?", in: R. Rorty, Objectivity, Relativism, and Truth. Philosophical Papers Vol. I, Cambridge/Ma 1991, pp. 46-62
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty IV (b)
Richard Rorty
"Non-Reductive Physicalism" in: R. Rorty, Objectivity, Relativism, and Truth. Philosophical Papers Vol. I, Cambridge/Ma 1991, pp. 113-125
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty IV (c)
Richard Rorty
"Heidegger, Kundera and Dickens" in: R. Rorty, Essays on Heidegger and Others. Philosophical Papers Vol. 2, Cambridge/MA 1991, pp. 66-82
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty IV (d)
Richard Rorty
"Deconstruction and Circumvention" in: R. Rorty, Essays on Heidegger and Others. Philosophical Papers Vol. 2, Cambridge/MA 1991, pp. 85-106
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty V (a)
R. Rorty
"Solidarity of Objectivity", Howison Lecture, University of California, Berkeley, January 1983
In
Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1998

Rorty V (b)
Richard Rorty
"Freud and Moral Reflection", Edith Weigert Lecture, Forum on Psychiatry and the Humanities, Washington School of Psychiatry, Oct. 19th 1984
In
Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1988

Rorty V (c)
Richard Rorty
The Priority of Democracy to Philosophy, in: John P. Reeder & Gene Outka (eds.), Prospects for a Common Morality. Princeton University Press. pp. 254-278 (1992)
In
Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1988

Rorty VI
Richard Rorty
Wahrheit und Fortschritt Frankfurt 2000

Figal I
Günter Figal
Martin Heidegger zur Einführung Hamburg 2016
Zusammenhang Dilthey Gadamer I 228
Zusammenhang/Dilthey/Gadamer: Der entscheidende Schritt, den Diltheys erkenntnistheoretische Grundlegung der Geisteswissenschaften zu tun hat, ist (...) der, dass von dem Aufbau des Zusammenhangs in der Lebenserfahrung des einzelnen der Übergang zu dem geschichtlichen Zusammenhang gefunden wird, der von keinem einzelnen mehr erlebt und erfahren wird. Hier wird es - trotz aller Kritik an der Spekulation - nötig, an die Stelle wirklicher Subjekte „logische Subjekte“ zu setzen. >Subjekt/Dilthey, >Erfahrung/Dilthey.
Dilthey ist sich über diese Misslichkeit klar. Aber er sagt sich, dass das an sich nicht unstatthaft sein kann, sofern die Zusammengehörigkeit der Individuen - etwa in der Einheit einer Generation oder einer Nation - eine seelische Wirklichkeit darstelle, die man als solche anerkennen müsse, gerade weil man nicht erklärend hinter sie zurückgehen könne. Gewiss handele es sich hier nicht um reale Subjekte. Das lehre ja schon das Fließende ihrer Grenzen; auch seien die Einzelindividuen nur je mit einem Teil ihres Wesens dabei. Dennoch aber ist es nach Dilthey keine Frage, dass sich über solche Subjekte Aussagen machen lassen. Der Historiker tut das ja ständig, wenn er von den Taten und Geschicken der Völker spricht(1). Die Frage ist nun, wie solche Aussagen erkenntnistheoretisch zu rechtfertigen sind. >Erkenntnistheorie/Dilthey.
(...) nicht, wie überhaupt Zusammenhang erlebbar und erkennbar wird, ist das Problem der Geschichte, sondern wie auch solche Zusammenhänge erkennbar sein sollen, die niemand als solche erlebt hat. Immerhin kann kein Zweifel sein, wie sich Dilthey die Aufklärung dieses Problems vom Phänomen des Verstehens aus dachte. Verstehen ist Verstehen von Ausdruck.
Gadamer I 229
Es bezeichnet die neue methodische Klarheit, die [Dilthey] aus der Anlehnung an Husserl gewann, dass er den Begriff der Bedeutung, die sich aus dem Wirkungszusammenhang erhebt, am Ende mit Husserls "Logischen Untersuchungen" integrierte. Diltheys Begriff der Strukturiertheit des Seelenlebens entsprach insofern der Lehre von der Intentionalität des Bewusstseins, als auch diese nicht nur einen psychologischen Tatbestand, sondern eine Wesensbestimmung des Bewusstseins phänomenologisch beschreibt. Jedes Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas, jedes Verhalten ist Verhalten zu etwas. >Bedeutung/Dilthey, >Lebensphilosophie/Dilthey.
Gadamer I 235
Dass ein Strukturzusammenhang sich aus seiner eigenen Mitte heraus verstehen lässt, entsprach (...) dem alten Grundsatz der Hermeneutik und der Forderung des historischen Denkens, dass man eine Zeit aus ihr selber verstehen müsse und nicht mit Maßen einer ihr fremden Gegenwart messen dürfe. Nach diesem Schema - so meinte Dilthey - ließe sich die Erkenntnis immer weiterer geschichtlicher Zusammenhänge denken und bis zur universalgeschichtlichen Erkenntnis ausweiten, genau wie sich ein Wort nur vom ganzen Satz aus, der Satz nur im Zusammenhang des ganzen Textes, ja der gesamten überlieferten Literatur voll verstehen lässt. GadamerVsDilthey: Die Anwendung dieses Schemas setzt freilich voraus, dass man die Standort-Gebundenheit des historischen Betrachters überwinden könne. Genau das aber ist der Anspruch des >historischen Bewusstseins, zu allem einen wahrhaft historischen Standpunkt zu haben.
So hat sich Dilthey als der wahre Vollender der historischen Weltansicht gefühlt, weil er die Erhebung
Gadamer I 236
des Bewusstseins zum historischen Bewusstsein zu legitimieren suchte. Was seine erkenntnistheoretische Reflexion rechtfertigen wollte, war im Grunde nichts anderes als die großartige epische Selbstvergessenheit eines Ranke. Nur trat an die Stelle der ästhetischen Selbstvergessenheit die Souveränität eines allseitigen und unendlichen Verstehens. Die Grundlegung der Historik in einer Psychologie des Verstehens, wie sie Dilthey vorschwebte, versetzt den Historiker in eben jene ideelle Gleichzeitigkeit mit seinem Gegenstand, die wir ästhetisch nennen und an Ranke bewundern.


1. Dilthey, Ges. Schriften V Il, 282ff. Das gleiche Problem sucht Georg Simmel durch die Dialektik von Erlebnissubjektivität und Sachzusammenhang - also am Ende psychologisch - zu lösen. Vgl. Brücke und Tür, S. 82f.
2. Ges. Schriften V Il, 291 »Wie die Buchstaben eines Wortes haben Leben und Ge-
schichte einen Sinn. «

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977