Lexikon der Argumente


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Literatur
Abstand Gadamer I 302
Zeitenabstand/Abstand/Hermeneutik/Gadamer: (...) der Zeitenabstand ist (...) nicht etwas, was überwunden werden muss. Das war vielmehr die naive Voraussetzung des Historismus, dass man sich in den Geist der Zeit versetzen, dass man in deren Begriffen und Vorstellungen denken solle und nicht in seinen eigenen und auf diese Weise zur historischen Objektivität vordringen könne. GadamerVsHistorismus: In Wahrheit kommt es darauf an, den Abstand der Zeit als eine positive und produktive Möglichkeit des Verstehens zu erkennen.
Heidegger/Gadamer: (...) erst von der ontologischen Wendung aus, die Heidegger dem Verstehen als einem „Existenzial“ verlieh, und der temporalen Interpretation, die er der Seinsweise des >Daseins widmete, konnte der Zeitenabstand in seiner hermeneutischen Produktivität gedacht werden.
I 303
Der zeitliche Abstand hat offenbar noch einen anderen Sinn als den der Abtötung des eigenen Interesses am Gegenstand. Er lässt den wahren Sinn, der in einer Sache liegt, erst voll herauskommen. Die Ausschöpfung des wahren Sinnes aber, der in einem Text oder in einer künstlerischen Schöpfung gelegen ist, kommt nicht irgendwo zum Abschluss, sondern ist in Wahrheit ein unendlicher Prozess.
I 304
Vorurteil/Hermeneutik: Oft vermag der Zeitenabstand die eigentlich kritische Frage der Hermeneutik lösbar zu machen, nämlich die wahren Vorurteile, unter denen wir verstehen, von den falschen, unter denen wir missverstehen, zu scheiden. >Vorurteil/Gadamer. Das hermeneutisch geschulte Bewusstsein wird daher historisches Bewusstsein
einschließen. >Verstehen/Gadamer.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Erkenntnistheorie Dilthey Gadamer I 222
Erkenntnistheorie/Dilthey/Gadamer: Die Spannung zwischen dem ästhetisch-hermeneutischen und dem geschichtsphilosophischen Motiv in der historischen Schule erreicht ihren Höhepunkt bei Wilhelm Dilthey. Dilthey hat dadurch seinen Rang, dass er das erkenntnistheoretische Problem, das die historische Weltansicht gegenüber dem Idealismus impliziert, wirklich erkennt.
Gadamer I 223
Die Wurzel der Zwiespältigkeit (...) liegt in der bereits gekennzeichneten Zwischenstellung der historischen Schule zwischen Philosophie und Erfahrung. Sie wird durch Diltheys Versuch einer erkenntnistheoretischen Grundlegung nicht etwa aufgelöst, sondern findet dadurch eine eigene Zuspitzung. Diltheys Bemühung um eine philosophische Grundlegung der Geisteswissenschaften sucht die erkenntnistheoretischen Konsequenzen aus dem zu ziehen, was Ranke und Droysen gegenüber dem deutschen Idealismus geltend machten.
Das war Dilthey selber voll bewusst.
DiltheyVsHistorismus: [Dilthey] sah die Schwäche der historischen Schule in der mangelnden Konsequenz ihrer Reflexionen: »Anstatt in die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen der historischen Schule und die des Idealismus von Kant bis Hegel zurückzugehen und so die Unvereinbarkeit dieser Voraussetzungen zu erkennen, haben sie diese Standpunkte unkritisch verbunden«(1). So konnte er sich das Ziel setzen, zwischen historischer Erfahrung und idealistischem Erbe der historischen Schule eine neue erkenntnistheoretisch tragfähige Grundlage aufzubauen. Das ist der Sinn seiner Absicht, Kants Kritik der reinen Vernunft durch eine Kritik der historischen Vernunft zu ergänzen. >Historische Vernunft/Dilthey.
Gadamer I 226
In gewisser Weise ist [die Aufgabe der Erkenntnistheorie] leichter. Sie braucht nicht erst nach dem Grund der Möglichkeit zu fragen, daß unsere Begriffe mit der in Übereinstimmung sind. Denn die geschichtliche Welt, um deren Erkenntnis es hier geht, ist immer schon eine vom Menschengeist gebildete und geformte. Aus diesem Grunde meint Dilthey, allgemein gültige synthetische Urteile der Geschichte seien hier gar kein Problem(2) und beruft sich dafür auf Vico. Wir erinnern uns, daß Vico im Gegenschlag zu dem cartesianischen Zweifel und der durch ihn begründeten Gewissheit mathematischer Erkenntnis der Natur den erkenntnistheoretischen Primat
der von den Menschen gemachten Welt der Geschichte behauptet hatte.
Dilthey wiederholt das gleiche Argument. Er schreibt: »Die erste Bedingung für die Möglichkeit der Geschichtswissenschaft liegt darin, dass ich selbst ein geschichtliches Wesen bin, dass der, welcher die Geschichte erforscht, derselbe ist, der die Geschichte macht«(3).
Gadamer: Es ist die Gleichartigkeit von Subjekt und Objekt, die die historische Erkenntnis ermöglicht. >Erfahrung/Dilthey.
Gadamer I 228
(...) nicht, wie überhaupt Zusammenhang erlebbar und erkennbar wird, ist das Problem der Geschichte, sondern wie auch solche Zusammenhänge erkennbar sein sollen, die niemand als solche erlebt hat. Immerhin kann kein Zweifel sein, wie sich Dilthey die Aufklärung dieses Problems vom Phänomen des Verstehens aus dachte. Verstehen ist Verstehen von Ausdruck. Im Ausdruck ist das Ausgedrückte in anderer Weise da, als die
Gadamer I 229
Ursache in der Wirkung. Es ist im Ausdruck selbst gegenwärtig und wird verstanden, wenn der Ausdruck verstanden wird.
Gadamer I 234
Dilthey selbst hat darauf hingewiesen, dass wir nur geschichtlich erkennen, weil wir selber geschichtlich sind. Das sollte eine erkenntnistheoretische Erleichterung sein.
Gadamer I 235
GadamerVsDilthey: Aber kann es das sein? Ist Vicos oft genannte Formel denn überhaupt richtig? Überträgt sie nicht eine Erfahrung des menschlichen Kunstgeistes auf die geschichtliche Welt, in der man von „Machen“ d. h. von Planen und Ausführen angesichts des Laufs der Dinge überhaupt nicht reden kann? Wo soll hier die erkenntnistheoretische Erleichterung herkommen? Ist es nicht in Wahrheit eine Erschwerung? Muss nicht die geschichtliche Bedingtheit des Bewusstseins eine unüberwindliche Schranke darfür darstellen, dass es sich in geschichtlichem Wissen vollendet? >Historisches Bewusstsein/Dilthey, >Geist/Dilthey, >Philosophie/Dilthey, >Erkenntnistheorie/Gadamer.


1. Dilthey, Ges. Schriften Vll, 281.
2. Ges. Schriften Vll, 278.
3. a.a.O. (GadamerVsDilthey: Aber wer macht eigentlich die Geschichte?)

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Fragen Gadamer I 304
Frage/Gadamer: Das erste, womit das Verstehen beginnt, ist, (...) dass etwas uns anspricht. Das ist die oberste aller hermeneutischen Bedingungen. Wir wissen jetzt, was damit gefordert ist: eine grundsätzliche Suspension der eigenen Vorurteile. Alle Suspension von Urteilen aber, mithin und erst recht die von Vorurteilen, hat, logisch gesehen, die Struktur der Frage. Das Wesen der Frage ist das Offenlegen und Offenhalten von Möglichkeiten. Wird ein >Vorurteil fraglich (...)
so heißt dies mithin nicht, dass es einfach beiseite gesetzt wird und der andere oder das Andere sich an seiner Stelle unmittelbar zur Geltung bringt.
GadamerVsHistorismus/VsObjektivismus: Das ist vielmehr die Naivität des historischen >Objektivismus, ein solches Absehen von sich selbst anzunehmen. In Wahrheit wird das eigene
Vorurteil dadurch recht eigentlich ins Spiel gebracht, dass es selber auf dem Spiele steht. Nur indem es sich ausspielt, vermag es den Wahrheitsanspruch des anderen überhaupt zu erfahren und ermöglicht ihm, dass er sich auch ausspielen kann. Vgl. >Historismus, >Verstehen/Gadamer, >Hermeneutik/Gadamer.
Historismus/Gadamer: Die Naivität des sogenannten Historismus besteht darin, dass er sich einer
solchen Reflexion entzieht und im Vertrauen auf die Methodik seines Verfahrens seine eigene Geschichtlichkeit vergisst.

I 368
Frage/Gadamer: Dass in aller Erfahrung die Struktur der Frage vorausgesetzt ist, liegt auf der Hand. Man macht keine Erfahrung ohne die Aktivität des Fragens. Die Erkenntnis, dass die Sache anders ist und nicht so, wie man zuerst glaubte, setzt offenbar den Durchgang durch die Frage voraus, ob es so oder so ist. Die Offenheit, die im Wesen der Erfahrung liegt, ist logisch gesehen eben diese Offenheit des so oder so. Sie hat die Struktur der Frage. Und wie die dialektische Negativität der Erfahrung in der Idee einer vollendeten Erfahrung ihre Perfektion fand, in der wir unserer Endlichkeit und Begrenztheit im ganzen inne sind, so findet auch die logische Form der Frage und die ihr einwohnende Negativität ihre Vollendung In einer radikalen Negativität,
dem Wissen des Nichtwissens. Es ist die berühmte sokratische docta ignorantia, die in der äußersten Negativität der Aporie die wahre Überlegenheit des Fragens eröffnet.
Sinn: Im Wesen der Frage liegt, dass sie einen Sinn hat. Sinn aber ist Richtungssinn. Der Sinn der Frage ist mithin die Richtung, in der die Antwort allein erfolgen kann, wenn sie sinnvolle, sinngemäße Antwort sein will. Mit der Frage wird das Befragte in eine bestimmte Hinsicht gerückt. Das Aufkommen einer Frage bricht gleichsam das Sein des Befragten auf. Der Logos, der
dieses aufgebrochene Sein entfaltet, ist insofern immer schon Antwort.
Sokrates/Platon: Es gehört zu den größten Einsichten, die uns die platonische Sokratesdarstellung vermittelt, dass das Fragen - ganz im Gegensatz zu der allgemeinen Meinung - schwerer ist als das Antworten.
Gadamer I 369
Um fragen zu können, muss man wissen wollen, d. h, aber: wissen, dass man nicht weiß. Die Offenheit des Gefragten besteht in dem Nichtfestgelegtsein der Antwort. Jede Frage vollendet erst ihren Sinn im Durchgang durch solche Schwebe, in der sie eine offene Frage wird. Jede echte Frage verlangt diese Offenheit. Fehlt ihr dieselbe, so ist sie im Grunde eine Scheinfrage, die keinen echten Fragesinn hat. Nun ist die Offenheit der Frage keine uferlose. Sie schließt vielmehr die bestimmte Umgrenzung durch den Fragehorizont ein. Eine Frage, die desselben ermangelt, geht ins Leere. Sie wird erst zu einer Frage, wenn die fließende Unbestimmtheit der Richtung, in die sie weist, ins Bestimmte eines so oder so gestellt wird.
Falsche Frage: Falsch nennen wir eine Fragestellung, die das Offene nicht erreicht, sondern dasselbe durch Festhalten falscher Voraussetzungen verstellt. Als Frage täuscht sie Offenheit und Entscheidbarkeit vor. Wo aber das Fragliche nicht - oder nicht richtig - abgehoben ist gegen die Voraussetzungen, die wirklich feststehen, dort ist es nicht wahrhaft ins Offene gebracht und dort kann daher auch nichts entschieden werden.
I 370
Schiefe Frage: Wir nennen sie nicht falsch, sondern schief, weil immerhin eine Frage dahinter steckt, d. h. ein Offenes gemeint wird - das aber nicht in der Richtung liegt, die die gestellte Frage eingeschlagen hat. Das Schiefe einer Frage besteht darin, dass die Frage keinen wirklichen Richtungssinn einhält und daher keine Antwort ermöglicht. Ähnlich sagen wir von Behauptungen, die nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig sind, dass sie schief sind.
I 372
Einfall: Jeder Einfall hat die Struktur der Frage. Der Einfall der Frage aber ist bereits der Einbruch in die geebnete Breite der verbreiteten Meinung. (>Doxa/Platon). Auch von der Frage sagen wir daher, dass sie einem kommt, dass sie sich erhebt oder sich stellt - viel eher als dass wir sie erheben oder stellen. Erfahrung: Wir sahen schon, dass die Negativität der Erfahrung logisch gesehen die Frage impliziert, In der Tat ist es der Anstoß, den dasjenige darstellt, das sich der Vormeinung nicht einfügt, durch den wir Erfahrungen machen. Auch das Fragen ist daher mehr ein Erleiden als ein Tun. Die Frage drängt sich auf. Es lässt sich ihr nicht länger ausweichen und bei der gewohnten Meinung
verharren. Vgl. >Frage und Antwort/Collingwood.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Geschichte Benjamin Norbert Bolz, Willem van Reijen, Walter Benjamin Frankfurt 1991
I 15
Geschichte/Benjamin: Geschichte ist bei Benjamin mit Ästhetik verschränkt. Geschichte: Nicht Erlösung in der Geschichte, sondern von ihr!
I 34
Geschichte/Benjamin: antithetisch zur "messianischen Intensität des Herzens" aber so, dass "eine Kraft auf ihrem Weg eine andere auf entgegengesetzt gerichtetem Weg zu befördern vermag." Konzeption einer weltlichen "restitutio in integrum" die allem Naturhaften die Züge des ewigen Untergangs aufprägt. An diese"totalen Vergängnis" von Naturarbeit Benjamins "Weltpolitik, deren Methode Nihilismus zu heißen hat".
I 38
Geschichte/Benjamin: Dem politisch theologischen Blick stellt sich die Vergangenheit unabgeschlossen dar. Als ob der Eingedenkende selbst das Subjekt der Vergangenheit sei. Erwachen aus dem kapitalistischen Traum. Die politisch-theologischen Kategorien lassen den Fluss der Geschichte erstarren. In dessen Innerem bildet sich als kristalline Konstellation Geschichte. Ewig aktuell in der Geschichte ist das Skandalum. Für die Erniedrigten und Beleidigten gibt es keine Befreiung, sondern nur Erlösung.
I 75
Geschichte/Benjamin: "Traum, den wir Gewesenes nennen". Aus ihm müssen wir erwachen. Modernität: nichts anderes als die geschichtsblinde Traumform der Zeit.
I 77
BenjaminVsHistorismus: hat keine Begriff von Aktualität. Erzählt Vergangenes und verstellt dabei die Möglichkeit, es als Gewesenes zu vergegenwärtigen. Kein kritisches Verhältnis zur Gegenwart. Siegfried Giedion: "historisierende Maske": Charakterisierung von Interieurs, Ausstellungen und Museen des 19. Jahrhunderts.
Frage: "Was ist uns verwandt"? damit sucht Benjamin ein taktiles Verhältnis zum 19. Jahrhundert herzustellen. Antwort: "materialistische Besinnung auf das Nächste".
I 79
Geschichte/Alois Riegl/Bolz: Was man Grenzfallhistorik nennen könnte, bilde den Begriff der Notwendigkeit nicht am Geschichtsverlauf, sondern am Extrem.

Geschichte Nietzsche Höffe I 375
Geschichte/Nietzsche/Höffe: Nietzsche(1) gibt einem Grundphänomen des Politischen, dem Streben nach Macht, eine umfassendere, zugleich tiefere Bedeutung. Er unterwirft nämlich die gesamte menschliche Kultur, hier exemplarisch die Geschichtsbetrachtung, dem Prinzip der Steigerung des Lebens: Als Wille zur Macht muss das Leben sich ständig überwinden und produktiv über Sich selbst hinauswachsen. Mit dem Grundsatz: «Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen» (Vorwort), führt Nietzsche drei Arten einer lebensdienlichen Historie
ein: die «monumentalische Historie» (2. Kap.), die dem «Tätigen und Streben-
den» «Vorbilder, Lehrer, Tröster» liefert; die «antiquarische Historie» (3. Kap.),
die «dem Bewahrenden und Verehrenden» erlaubt, «mit Treue und Liebe» auf
seine Herkunft zurückzublicken; schließlich die «kritische Historie», die «dem
Leidenden und der Befreiung Bedürftigen» die Kraft schenkt, eine Vergangenheit
nach einer peinlichen Prüfung am Ende zu verurteilen (ebd.).
1m Sinne des stillschweigenden Motivs vom Willen zur Macht warnt
Höffe I 376
Nietzsche vor Übersättigung mit Historie, da sie in fünffacher Hinsicht dem Leben schade:
(1) Durch den Kontrast von Innerlich und Äußerlich schwächt sie die
Persönlichkeit;
(2) sie nährt die Illusion, die höchst seltene Tugend, die Gerechtigkeit, besäße die Gegenwart in höherem Maß als jede andere Zeit;
(3) sie stört «die Instinkte des Volkes», womit sowohl der Einzelne als auch das Ganze «am
Reifwerden verhindert» wird;
(4) es wird der schädliche «Glaube, Spätling und Epigone zu sein» gepflanzt; und
(5) implizit NietzscheVsHegel: eine Epoche gerät in die Verherrlichung der Gegenwart als Vollendung der Weltgeschichte.
Höffe: Mit Kants Gedanke der Geschichte als einem zur Zukunft hin offenen Rechtsfortschritt setzt sich Nietzsche nicht auseinander.


1. F. Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen II: «Vom Nutzen und Nachteil der
Historie für das Leben» (1874)



Ries II 36
Geschichte/NietzscheVs: VsHistorismus VsTeleologie, Vs teleologische Sinndeutung
Ries II 38
Geschichte/NietzscheVsStrauß, Friedrich David: Strauß‘ »Leben Jesu« (1835) hatte den jungen Nietzsche einst begeistert. Das erste Stück der unzeitgemäßen Betrachtungen richtet sich gegen ihn.
Ries II 39/40
Geschichte/Unzeitgemäße Betrachtungen /Nietzsche: Zweites Stück: »Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben«: die Unmittelbarkeit des Lebens setzt sich »zuinnerst« dem historischen Wissen entgegen. Jene »Unmittelbarkeit« ist im Vergessen garantiert.
Geschichte/Unzeitgemäße Betrachtungen/NietzscheVsHistorismus: gegen die unreflektierte ideologische Implikation einer Philosophie, deren wissenschaftstheoretisches Postulat einer Trennung von Theorie und Praxis die Anpassung an das Tatsächliche verschleiert.
Ries II 42
Es ist unmöglich, aus der Geschichte als der bloßen Abfolge ihrer Begebenheiten eine Notwendigkeit des Geschehens nachzuweisen. Wissenschaftlicher Anspruch auf Erkennbarkeit eines Weges muss aufgegeben werden. Auch der Gedanke an einen Fortschritt!
Ries II 43
Geschichtskonstruktion versucht die Sinnlosigkeit des Todes zu eliminieren.

Nie I
Friedrich Nietzsche
Sämtliche Werke: Kritische Studienausgabe Berlin 2009

Nie V
F. Nietzsche
Beyond Good and Evil 2014

Ries II
Wiebrecht Ries
Nietzsche zur Einführung Hamburg 1990
Hermeneutik Dilthey Gadamer I 180
Hermeneutik/Dilthey/Gadamer: [Zur theologischen, insbesondere lutherischen Bibelinterpretation]: (…) die reformatorische Theologie erscheint nicht (…) als konsequent. Indem sie schließlich die protestantischen Glaubensformeln als Leitfaden für das Verständnis der Einheit der Bibel in Anspruch nimmt, hebt auch sie das Schriftprinzip auf zugunsten einer allerdings kurzfristigen reformatorischen Tradition. So hat darüber nicht nur die gegenreformatorische Theologie, sondern auch Dilthey geurteilt(1). Er glossiert diese Widersprüche der protestantischen Hermeneutik aus dem vollen Selbstgefühl der historischen Geisteswissenschaften heraus. Entwicklung der Diltheyschen Hermeneutik: Erst einmal musste sich die Hermeneutik
aus aller dogmatischen Beschränkung lösen und zu sich selbst befreien, um zu der universalen Bedeutung eines historischen Organon aufzusteigen. Das geschah im 18. Jahrhundert, als Männer wie Semler und Ernesti erkannten, dass ein adäquates Verständnis der Schrift die Anerkennung der
Verschiedenheit ihrer Verfasser, also die Preisgabe der dogmatischen Einheit des Kanon voraussetzt. Mit dieser »Befreiung der Auslegung vom „Dogma« (Dilthey) rückte die Sammlung der Heiligen Schriften der Christenheit in die Rolle einer Sammlung historischer Quellen, die als Schrift-
werke nicht nur einer grammatischen, sondern zugleich auch einer historischen Interpretation unterworfen werden mussten(2).
DiltheyVsTradition: Der alte Auslegungsgrundsatz, das Einzelne aus dem Ganzen zu verstehen, war nun nicht mehr auf die dogmatische Einheit des Kanons bezogen und beschränkt, sondern ging auf das Umfassende der geschichtlichen
Gadamer I 181
Wirklichkeit, zu deren Ganzheit das einzelne historische Dokument gehört. Gadamer: (…) wie es nunmehr keinen Unterschied mehr gibt zwischen der Interpretation heiliger oder profaner Schriften und damit nur eine Hermeneutik existiert, so ist diese Hermeneutik am Ende nicht nur eine propädeutische Funktion aller Historik als Kunst der rechten Auslegung schriftlicher Quellen, sondern übergreift noch das ganze Geschäft der Historik selbst.
Denn was von den schriftlichen Quellen gilt, dass jeder Satz in ihnen nur aus dem Zusammenhang verstanden werden könne, das gilt auch von den Inhalten, die sie berichten. Auch deren Bedeutung steht nicht für sich fest. Der weltgeschichtliche Zusammenhang, in dem sich die Einzelgegenstände
der historischen Forschung, große wie kleine, in ihrer wahren relativen Bedeutung zeigen, ist selbst ein Ganzes, von dem aus alles Einzelne in seinem Sinn erst voll verstanden wird und das umgekehrt erst von diesen Einzelheiten aus voll verstanden werden kann.
Gadamer I 182
Tradition: An sich ist die Geschichte des Verstehens schon seit den Tagen der antiken Philologie von theoretischer Reflexion begleitet. Aber diese Reflexionen haben den Charakter einer „Kunstlehre“, d. h. sie wollen der Kunst des Verstehens dienen, wie etwa die Rhetorik der Redekunst, die Poetik der Dichtkunst und ihrer Beurteilung dienen wollen. In diesem Sinne war auch die theologische Hermeneutik der Patristik und die der Reformation eine Kunstlehre. DiltheyVsTradition/Gadamer: Jetzt aber wird das Verstehen als solches gemacht. ((s) VsDilthey: Vgl. >Hermeneutik/Schleiermacher.)
Gadamer I 202
Hermeneutik/Dilthey/Gadamer: Die historische Interpretation vermag als Mittel zum Verständnis eines gegebenen Textes dienen, wenngleich sie in anderer Interessenwendung in ihm eine bloße Quelle sieht, die sich dem Ganzen der historischen Überlieferung eingliedert. In klarer methodischer Reflexion finden wir das freilich weder bei Ranke noch bei dem scharfen Methodologen Droysen ausgesprochen, sondern erst bei Dilthey, der die romantische Hermeneutik bewusst aufgreift und zu einer historischen Methodik, ja zu einer Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaften ausweitet. Ditlhey: Nicht nur die Quellen begegnen als Texte, sondern die geschichtliche Wirklichkeit selbst ist ein zu verstehender Text. Mit dieser Übertragung der Hermeneutik auf die Historik ist Dilthey aber nur der Interpret der historischen Schule. Er formuliert das, was Ranke und Droysen selber im Grunde denken.
Historische Schule/Dilthey/HegelVsHistorismus/Gadamer: Wir werden noch sehen, dass Hegels
Philosophie der Weltgeschichte, gegen die sich die historische Schule auflehnte (DiltheyVsHegel), die Bedeutung der Geschichte für das Sein des Geistes und die Erkenntnis der Wahrheit ungleich tiefer erkannt hat als die großen Historiker, die ihre Abhängigkeit von ihm sich nicht eingestehen wollten.

Gadamer I 245
Hermeneutik/Dilthey/Gadamer: Wie wir bei Schleiermacher sahen, ist das Vorbild seiner Hermeneutik das im Verhältnis vom Ich zum Du erreichbare kongeniale Verstehen.. Die Meinung des Autors ist aus seinem Text unmittelbar zu ersehen. Der Interpret ist mit seinem Autor absolut gleichzeitig. Das ist der Triumph der philologischen Methode, vergangenen Geist so als gegenwärtigen, fremden als vertrauten zu erfassen. Dilthey: Dilthey ist von diesem Triumph ganz und gar durchdrungen. Er gründet darauf die Ebenbürtigkeit der Geisteswissenschaften. Wie die naturwissenschaftliche Erkenntnis stets ein Gegenwärtiges aufeinen in ihm gelegenen Aufschluss befragt, so befragt der Geisteswissenschaftler Texte. Damit glaubte Dilthey den Auftrag zu erfüllen, den er als den seinen empfand, die Geisteswissenschaften erkenntnistheoretisch zu rechtfertigen, indem er die geschichtliche Welt wie einen zu entziffernden Text dachte. >Text/Dilthey.



1. Vgl. Dilthey II, 126 Anm. 3 die von Richard Simon an Flacius geübte Kritik.
2. Semler, der diese Forderung stellt, meint damit freilich noch dem Heilssinn der Bibel zu dienen, sofern der historisch Verstehende »nun auch imstande ist, von diesen Gegenständen auf eine solche Weise jetzt zu reden, als es die veränderte Zeit und andere Umstände der Menschen neben uns erfordern« (zitiert nach G. Ebeling, RGG3 Hermeneutik) also Historie im Dienste der applicatio.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Historismus Easton Brocker I 490
Historismus/EastonVsHistorismus/Easton: es gibt eine historizistische Auffassung der Politiktheorie, die Politik als eine Geschichte der politischen Ideen, die jeweils als Ausdruck ihrer historischen Epoche begriffen werden, versteht. EastonVsHistorismus: 1. Damit ist die politische Theorie keine autonome Theorie mehr, sondern nur noch eine Manifestation einer zeitlichen Epoche. 2. Damit können keine Antworten auf Probleme der Gegenwart gegeben werden.


Dieter Fuchs, “David Easton, A Systems Analysis of Political Life” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018


PolEast I
David Easton
A Systems Analysis of Political Life New York 1965

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Historismus Gadamer I 202
Historismus/Historische Schule/Dilthey/Gadamer: Mit [der] Übertragung der Hermeneutik auf die Historik ist Dilthey (...) nur der Interpret der historischen Schule. Er formuliert das, was Ranke und Droysen selber im Grunde denken. So war also die romantische Hermeneutik und ihr Hintergrund, die pantheistische Metaphysik der Individualität, für die theoretische Besinnung der Geschichtsforschung des 19. Jahrhunderts bestimmend. Gadamer: Das ist für das Schicksal der Geisteswissenschaften und die Weltansicht der historischen Schule verhängnisvoll geworden. Vgl. >Geschichte/Hegel, >Geschichtsschreibung/Dilthey.
Der Widerstand gegen die Philosophie der Weltgeschichte trieb [die Historische Schule] so in das Fahrwasser der Philologie. Es war ihr Stolz, dass sie den Zusammenhang
Gadamer I 203
der Weltgeschichte nicht teleologisch, nicht im Stile der vorromantischen oder nachromantischen Aufklärung von einem Endzustande her dachte, der gleichsam das Ende der Geschichte, ein jüngster Tag der Weltgeschichte wäre. Vielmehr gibt es für sie kein Ende und Außerhalb der Geschichte. Das Verständnis des gesamten Verlaufs der Universalgeschichte kann daher nur aus der geschichtlichen Überlieferung selbst gewonnen werden. Eben das aber ist der Anspruch der philologischen Hermeneutik, dass der Sinn eines Textes aus ihm selbst verstanden werden kann. Die Grundlage der Historik ist also die Hermeneutik. GadamerVsDilthey: So weit vermag die hermeneutische Grundlage zu tragen. Aber weder kann diese Abgehobenheit des Gegenstandes von seinem Interpreten, noch auch die inhaltliche Abgeschlossenheit eines Sinnganzen die eigentlichste Aufgabe des Historikers, die Universalgeschichte, mittragen. Denn die Geschichte ist nicht nur nicht am Ende - wir stehen als die Verstehenden selbst in ihr, als ein bedingtes und endliches Glied einer fortrollenden Kette.
GadamerVsHistorismusd/GadamerVsHistorische Schule: Auch die „historische Schule« wusste,
dass es im Grunde keine andere Geschichte als Universalgeschichte geben kann, weil sich nur vom Ganzen aus das Einzelne in seiner Einzelbedeutung bestimmt. Wie soll der empirische Forscher, dem niemals das Ganze gegeben sein kann, sich da helfen, ohne sein Recht an den Philosophen und seine aprioristische Willkür zu verlieren? Vgl. >Geschichte/Hegel.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Methode Gadamer Graeser I 85
Gadamer/Graeser: Wahrheit und Methode (1965) - Vs Gegensatz zwischen Systematik und Geschichte - unterminiert die Unterscheidung zwischen Entstehungs- und Rechtfertigungszusammenhang. - Wie Sellars: hat kein festes Ufer. - Wahrheit: ist dann nicht das entscheidende, sondern was man mit ihr macht. - > Pragmatismus.
I 295
Methode/Gadamer: Das Verstehen selber ist nicht so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken, sondern als Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart beständig vermitteln. Das ist es, was in der hermeneutischen Theorie zur Geltung kommen muss, die viel zu sehr von der Idee eines Verfahrens, einer Methode, beherrscht ist.
I 300
Methode/Hermeneutik/Gadamer: [Eine Spannung] spielt zwischen Fremdheit und Vertrautheit, die die Überlieferung für uns hat, zwischen der historisch gemeinten, abständigen Gegenständlichkeit und der Zugehörigkeit zu einer Tradition. In diesem Zwischen ist der wahre Ort der Hermeneutik. Aus der Zwischenstellung, in der die Hermeneutik ihren Stand zu nehmen hat, folgt, dass ihre Aufgabe überhaupt nicht ist, ein Verfahren des Verstehens zu entwickeln, sondern die Bedingungen aufzuklären, unter denen Verstehen geschieht. Diese Bedingungen sind aber durchaus nicht alle von der Art eines „Verfahrens“ oder einer Methode, so dass man als der Verstehende sie von sich aus zur Anwendung zu bringen vermöchte - sie müssen
I 301
vielmehr gegeben sein. Die Vorurteile und Vormeinungen, die das Bewusstsein des Interpreten besetzt halten, sind ihm als solche nicht zu freier Verfügung. Er ist nicht imstande, von sich aus vorgängig die produktiven Vorurteile, die das Verstehen ermöglichen, von denjenigen Vorurteilen zu scheiden, die das Verstehen verhindern und zu Missverständnissen führen.
I 304
Methode/Gadamer: GadamerVsHistorismus: Die Naivität des sogenannten Historismus besteht darin, dass er sich einer (...) Reflexion ((s) über die eigenen Voraussetzungen) entzieht und im Vertrauen auf die Methodik seines Verfahrens seine eigene Geschichtlichkeit vergisst. ((s) Da Methoden verallgemeinerbar sein können müssen, können sie nicht von Anfang an auf Veränderbarkeit angelegt sein).

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

Grae I
A. Graeser
Positionen der Gegenwartsphilosophie. München 2002
Technokratie Morozov I 138
Technokratie/VsTechnokratie/Technokratiekritik/Technologiekritik/Morozov: die meisten Kritiker moderner Technokratie oder Technologie beziehen sich auf die ((s) angenommene) Arroganz von Planern und Reformern, denen die Erfahrung mit dem tatsächlichen Leben der Menschen in ihren Lebensräumen abgeht. Nachdenken und Überlegung sind nach diesen Kritikern unverzichtbar, sie werden auch durch die perfektesten Algorithmen nicht überflüssig gemacht werden. Beispiele sind: Jane Jacob, I. Berlin, F. Hayek, K. Popper, M. Oakeshott.
I 137
Städteplanung/Jane Jacob: Jacobs Kritik an phantasieloser Stadtplanung: siehe Jane Jacobs, The Death and Life of Great American Cities (New York: Vintage, 1992);
Isaiah Berlin: seine Kritik an einem „Prokusteanismus“: einer zwangsweisen Vereinheitlichung: Siehe see Jonathan Allen, “Isaiah Berlin’s Anti-Procrustean Liberalism: Ideas, Circumstances, and the Protean Individual,” paper presented at the annual meeting of the American Political Science Association (August 28– 31, 2003, Philadelphia, PA). Available at http:// berlin.wolf.ox.ac.uk/ lists/ onib/ allen2003. pdf;

Planung/Zentralplan/Friedrich Hayek: seine Kritik an zentralisierter Planung: siehe Friedrich Hayek. “The Use of Knowledge in Society,” The American Economic Review 35, no. 4 (September 1, 1945): 519– 530;

Karl PopperVsHistorismus: siehe Karl Popper. “The Poverty of Historicism, I,” Economica 11, no. 42 (May 1, 1944): 86– 103;

Michael OakeshottVsRationalismus: siehe Michael Oakeshott, Rationalism in Politics and Other Essays, exp. ed. (Indianapolis: Liberty Fund, 1991).


I 168
Def Technoneutrale/Majid Tehranian/Morozov: sind vorzugsweise Berater, die ihre Klienten nicht verunsichern wollen. (1)
I 170
Def Technostrukturalisten/Tehranian/Morozov: glauben, dass sich Technologien aus institutionellen Bedürfnissen entwickeln, verbreitet durch soziale Kräfte, deren Teil sie selbst sind. (2)
1. Majid Tehranian, Technologies of Power: Information Machines and Democratic Prospects (New York: Ablex Publishing, 1990), 5.
2. ibid.


Morozov I
Evgeny Morozov
To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism New York 2014
Theorien Easton Brocker I 490
Theorie/Easton: Nach Easton war die amerikanische Politikwissenschaft Anfang der 1950er Jahre von zwei Ansätzen dominiert, die er »historizistisch« (»historicism«) bzw. »empirizistisch« (»hyperfactualism«, »empiricism«) nannte. Historismus/Historizismus//Easton: konzentriert sich auf eine Geschichte der politischen Ideen, die jeweils als Ausdruck ihrer historischen Epoche begriffen werden.
EastonVsHistorismus: 1. Damit ist die politische Theorie keine autonome Theorie mehr, sondern nur noch eine Manifestation einer zeitlichen Epoche. 2. Damit können keine Antworten auf Probleme der Gegenwart gegeben werden.
Empirismus/Easton: erschöpft sich in einer Ansammlung von Fakten ohne Grundlage.
EastonVsEmpirismus: Akkumulation von Daten als Selbstzweck, deren theoretische Besonderheit nicht ersichtlich werde. (1)
Brocker I 491
Theorie/Easton: eine Theorie darf ihren Gegenstand selbst nicht als abgeleitetes Phänomen betrachten (in Eastons Fall die Politik).

1. David Easton, A Framework for Political Analysis, Englewood Cliffs, N. J. 1965, S. 17


Dieter Fuchs, “David Easton, A Systems Analysis of Political Life” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

PolEast I
David Easton
A Systems Analysis of Political Life New York 1965

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Verdinglichung Lukács Habermas III 474
Verdinglichung/Lukács/Habermas: Lukács These: „in der Struktur des Warenverhältnisses (kann) das Urbild aller Gegenständlichkeitsformen und aller ihnen entsprechenden Formen der Subjektivität in der bürgerlichen Gesellschaft aufgefunden werden.“ (1) Habermas: den neukantischen Ausdruck „Gegenständlichkeitsform“ verwendet Lukács in einem durch Dilthey geprägten Sinn als geschichtlich entstandene „Daseins- oder Denkform“, die die „Totalität der Entwicklungsstufe der Gesamtgesellschaft“ auszeichnet. Er begreift die Entwicklung der Gesellschaft als „die Geschichte der ununterbrochenen Umwälzung der Gegenständlichkeitsformen, die das Dasein der Menschen gestalten“.
LukácsVsHistorismus/Habermas: Lukács teilt allerdings nicht die historistische Auffassung, wonach sich in einer Gegenständlichkeitsform die Partikularität einer jeweils einzigartigen Kultur ausdrückt. Die Gegenständlichkeitsformen vermitteln „die Auseinandersetzung des Menschen
Habermas III 475
mit seiner Umwelt, die die Gegenständlichkeit seines inneren wie äußeren Lebens bestimmen“. (2) Verdinglichung/Lukács/Habermas: ist die eigentümliche Assimilierung von gesellschaftlichen Beziehungen und Erlebnissen an Dinge, d.h. an Objekte, die wir Wahrnehmung und manipulieren können. Die drei Welten (subjektive, objektive und soziale ((s) geteilte) Welt) sind im gesellschaftlichen Apriori der Lebenswelt so schief koordiniert, dass in unser Verständnis interpersonaler Beziehungen und subjektiver Erlebnisse Kategorienfehler eingebaut sind: wir fassen sie unter der Form von Dingen, also als Entitäten auf, die zur objektiven Welt gehören, obgleich sie in Wahrheit Bestandteile unserer gemeinsame sozialen oder der je eigenen subjektiven Welt sind.
Habermas: weil nun das Verstehen und Auffassen für den kommunikativen Umgang selbst konstitutiv sind, affiziert ein derart systematisch angelegtes Missverstehen die Praxis, nicht nur die Denk- sondern auch die „Daseinsform“ der Subjekte. Es ist die Lebenswelt selbst, die „verdinglicht“ wird.
Habermas: die Ursache für diese Deformation sieht Lukács in einer
Habermas III 476
Produktionsweise, die auf Lohnarbeit beruht und das „Zur-Ware-Werden einer Funktion des Menschen“ (3) erfordert.
Habermas III 489
AdornoVsLukács/HorkheimerVsLukács/Habermas: Horkheimer und Adorno verlegen die Anfänge der Verdinglichung in der Dialektik der Aufklärung hinter den kapitalistischen Anfang der Moderne zurück in die Anfänge der Menschwerdung. Der Grund dafür ist, dass Lukács Theorie von den nicht vorausgesehenen Integrationsleistungen der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften dementiert wurde.

1. G. Lukács, „Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats“ in: G. Lukács, Werke, Bd. 2. Neuwied 1968, S. 257-397.
2.G.Lukács, Geschichte und Klassenbewusstsein, Werke, Bd. 2, 1968, S. 336
3. Ebenda S. 267.


Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981
Vorurteile Gadamer I 273
Vorurteil/Verstehen/Hermeneutik/Gadamer: Es ist ja nicht so, dass man, wenn man jemanden anhört, oder an eine Lektüre geht, alle Vormeinungen über den Inhalt und alle eigenen Meinungen vergessen müsste. Daher muss ein hermeneutisch geschultes Bewusstsein für die Andersheit des Textes von vornherein empfänglich seine Solche Empfänglichkeit setzt aber
I 274
weder sachliche noch gar Selbstauslöschung voraus, sondern schließt die abhebende Aneignung der eigenen Vormeinungen und Vorurteile ein. Es gilt, der eigenen Voreingenommenheit inne zu sein, damit sich der Test selbst in seiner Andersheit darstellt und damit in die Möglichkeit kommt, seine sachliche wahrheit gegen die eigenen Vormeinung auszuspielen. >Verstehen/Gadamer, >Hermeneutischer Zirkel/Heidegger. Erst [die] Anerkennung der wesenhaften Vorurteilshaftigkeit alles Verstehens schärft das hermeneutische Problem zu seiner wirklichen Spitze zu.
I 275
GadamerVsHistorismus: An dieser Einsicht gemessen zeigt es sich, dass der Historismus, aller Kritik am Rationalismus und am Naturrechtsdenken zum Trotz, selber auf dem Boden der modernen Aufklärung steht und ihre Vorurteile undurchschaut teilt. Es gibt nämlich sehr wohl auch ein Vorurteil der Aufklärung, das ihr Wesen trägt und bestimmt: Dies grundlegende Vorurteil der Aufklärung ist das Vorurteil gegen die Vorurteile überhaupt und damit die Entmachtung der Überlieferung. Eine begriffsgeschichtliche Analyse zeigt, dass erst durch die Aufklärung der Begriff des Vorurteils die uns gewohnte negative Akzentuierung findet.
An sich heißt Vorurteil ein Urteil, das vor der endgültigen Prüfung aller sachlich bestimmenden Momente gefällt wird. Im Verfahren der Rechtssprechung hieß ein Vorurteil eine rechtliche Vorentscheidung vor der Fällung des eigentlichen Endurteils. Für den im Rechtsstreit Stehenden bedeutete das Ergehen eines solchen Vorurteils gegen ihn freilich eine Beeinträchtigung
seiner Chancen. So heißt préjudice wie praeiudicium auch einfach Beeinträchtigung, Nachteil, Schaden.
Doch ist diese Negativität nur eine konsekutive. Es ist gerade die positive Gültigkeit, der präjudizielle Wert der Vorentscheidung - ebenso wie der eines jeden Präzedenzfalles - auf dem die negative
Konsequenz beruht.
Unbegründetheit: Das deutsche Wort scheint durch die Aufklärung und ihre Religionskritik auf die Bedeutung „unbegründetes Urteil“ beschränkt worden zu sein.(1)
Aufklärung: Das Fehlen der Begründung lässt in den Augen der Aufklärung nicht anderen Weisen der Gültigkeit Raum, sondern bedeutet, dass das Urteil keinen in der Sache liegenden Grund hat, „ungegründet“ ist.
GadamerVsAufklärung: Das ist ein echter Schluss im Geist des Rationalismus. Auf ihm beruht die Diskreditierung der Vorurteile überhaupt und der Anspruch der wissenschaftlichen Erkenntnis, sie völlig auszuschalten.


1. Vgl. Leo Strauss, Die Religionskritik Spinozas, S. 163

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977