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Geschichte: Geschichte ist die von Menschen erfasste und dargestellte Menge vergangener Ereignisse. Mit der prinzipiellen Begrenztheit an Verarbeitungs- und Darstellungsressourcen hängt zusammen, dass Relevanz eine zentrale Rolle bei der Darstellung spielt. Geschichte unterscheidet sich auch darin von der Vergangenheit – die die Gesamtheit der früheren Ereignisse umfasst – dass sie immer wieder neu geschrieben wird, indem die Beziehungen zwischen Ereignissen und ihre Relevanz neu bewertet werden. Siehe auch Vergangenheit, Erinnerung, Zukunft, Gesellschaft, Fortschritt.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

Hans-Georg Gadamer über Geschichte – Lexikon der Argumente

I 204
Geschichte/Gadamer: Es gibt viele Formen, die Geschichte von einem ihr selber jenseitigen
Maßstab her zu denken.
Humboldt: Wilhelm von Humboldts Klassizismus sieht die Geschichte als Verlust und Verfall der Vollkommenheit des griechischen Lebens.
Goethezeit: Die gnostische Geschichtstheologie der Goethezeit, deren Einfluss
I 205
auf den jungen Ranke kürzlich dargestellt wurde(1) denkt die Zukunft als die Wiederherstellung einer verlorenen Vollkommenheit der Urzeit. >Geschichte/Winckelmann.
Hegel: Hegel versöhnte die ästhetische Musterhaftigkeit des klassischen Altertums mit dem Selbstbewusstsein der Gegenwart, indem er die >Kunstreligion der Griechen als eine überwundene Gestalt des Geistes bezeichnete und im allgemeinen Selbstbewusstsein der Freiheit die Vollendung der Geschichte in der Gegenwart proklamierte. All das sind Formen, die Geschichte zu denken, die einen außerhalb der Geschichte liegenden Maßstab voraussetzen.
GadamerVs: Indessen ist auch die Leugnung eines solchen apriorischen, ungeschichtlichen Maßstabs, die am Anfang der historischen Forschung des 19. Jahrhunderts steht, nicht so frei von metaphysischen Voraussetzungen, wie sie sich glaubt und wie sie behauptet, wenn sie sich als wissenschaftliche Forschung versteht. Das lässt sich an der Analyse der leitenden Begriffe dieser historischen Weltansicht zeigen. Zwar sind diese Begriffe ihrer eigenen Intention nach gerade darauf gerichtet, die Vorgreiflichkeit einer aprioristischen Geschichtskonstruktion zu korrigieren. Aber indem sie sich gegen den idealistischen Begriff des Geistes polemisch richten, bleiben sie doch auf ihn bezogen. >Geschichte/Dilthey, >Aufklärung/Herder.

I 281
Geschichte/Gadamer: In Wahrheit gehört die Geschichte nicht uns, sondern wir gehören ihr. Lange bevor wir uns in der Rückbesinnung selber verstehen, verstehen wir uns auf selbstverständliche
Weise in Familie, Gesellschaft und Staat, in denen wir leben. Der Fokus der >Subjektivität ist ein Zerrspiegel. Die Selbstbesinnung des Individuums ist nur ein Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens. Darum sind die Vorurteile des einzelnen weit mehr als seine Urteile die geschichtliche Wirklichkeit seines Seins. >Vorurteil/Gadamer, >Hermeneutik/Gadamer, >Verstehen/Gadamer.


1. C. Hinrichs, Ranke und die Geschichtstheologie der Goethezeit (1954). Vgl. meine
Notiz in Philos. Rundschau 4, S. 123ff.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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